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Dantes Inferno

"Ein Untier, wild und seltsam, Zerberus,
Bellt, wie ein böser Hund, aus dreien Kehlen
Jedweden an, der dort hinunter muß."

Den Höllenhund mag sich Dante Alighieri mit Sicherheit anders vorgestellt haben, als er im 14. Jahrhundert in der "Göttlichen Komödie" den Bewacher der Unterwelt beschrieben hat, aber unweigerlich muß ich an Zerberus denken, als der kleine Welpe kläffend auf mich, den Eindringling, zukommt.

Ich fürchte, daß unsere Suche nach den Überresten der Kolabohrung hier ihr Ende findet. Einige Kilometer zuvor sind wir von der asphaltierten Straße abgebogen und einer Schotterpiste gefolgt, und nun stehen wir vor einer kleinen Hütte von der ausgehend eine Eisenkette quer über den Weg gespannt ist und ein Durchfahrtsverbotschild die Weiterfahrt zu verhindern versucht. Der kleine Welpe scheint der Bewacher des Zugangs zu sein. Seine Versuche, mich zu vertreiben, fruchten nicht und als ich mich hinknie und auf Augenhöhe zu ihm begebe, gibt er alle Anstrengungen auf und kommt lieber schwanzwedelnd zum Schmusen und Streicheleinheiten abholen.

Zunächst führte uns unser Weg von Murmansk um die Kolabucht herum in Richtung unseres nächsten Ziels, der Halbinsel Rybatschi in der Barentssee. Wir hatten von zwei russischen Motorradfahrern einen Hinweis darauf erhalten, die uns in Kandalakscha angesprochen hatten. Sie selbst waren auf dem Weg dorthin und meinten, daß unser Dicker wie gemacht sei für die dortigen Wege. Bis vor kurzem war Rybatschi noch gesperrtes Gebiet und der Zugang für Ausländer nicht gestattet. Auch heute noch werden dort militärische Fahrzeuge erprobt. Unser Interesse war geweckt und so planten wir zwei Tage auf der Halbinsel ein. In Murmansk hatte sich Dmitry für uns erkundigt und es hieß, daß vor drei Tagen die ganze Halbinsel wieder für Ausländer gesperrt wurde. Er hatte nur den Kopf geschüttelt und gemeint, das sei nicht nachvollziehbar. Er war selbst mit seinem Q7 dort und hatte umgedreht aus Angst um sein Auto, da das Gelände sehr schwierig sei. Wir wollen es trotzdem versuchen und so fragen wir an einem Kontrollposten kurz vor der Abzweigung in Richtung Rybatschi erneut den Beamten, ob der Zugang mit dem Fahrzeug gestattet sei. Er antwortet ernst und viel und leider verstehen wir sehr wenig, nur das mehrmalige "Njet" und Kopfschütteln ist unmißverständlich.

Die Versuchung ist aber zu groß und die Abwesenheit von Verbotsschildern geradezu eine Einladung, doch auf den kleinen Schotterweg abzubiegen und es wenigstens zu versuchen, bis wir von einem Schlagbaum, einer Kontrolle oder sonst etwas aufgehalten werden.
Zunächst ist der Weg nicht viel schlechter als viele abgelegenere Strecken in Karelien auch. Wir freuen uns auf die einsame Natur der Halbinsel und auf eine weitere Herausforderung für den Dicken kurz vor der Ausreise. Viele Informationen haben wir nicht erhalten über Rybatschi, nur daß es im Zweiten Weltkrieg ein sehr umkämpftes Gebiet war, daß es lange Zeit gesperrt war und daß es seit einigen Jahren Bemühungen gibt, hier Rentiere unter Aufsicht von Sámi aus Lowozero anzusiedeln. Weiterhin sind sechs Holzhäuser mit insgesamt 30 Betten für Besucher geplant. Bevor viele Touristen den Weg hierher finden, wollen wir dem Ganzen einen Besuch abstatten und freuen uns den Geheimtip bekommen zu haben.

Und so holpern wir über eine mit Schlaglöchern gespickte Rüttelpiste, fahren über eine kleine Brücke, die schon bessere Zeiten gesehen hat, lenken den Dicken in tiefe Mulden, bis die Karosserie wegen der Verschränkung ächzt und wackeln über Felsen hinunter und hinauf; und dann, hinter einer Kurve, steht sie: die erste Gruppe russischer Offroader. Mit vielem hätten wir gerechnet, aber nicht mit so vielen Menschen auf einem Haufen, hier, in der erhofften Einsamkeit. Spätestens jetzt vermuten wir, daß unter den Einheimischen der Tip doch nicht so geheim ist wie gedacht. Wir winken und fahren langsam vorbei. Im Schritttempo arbeiten wir uns weiter vorwärts, halten immer wieder um ein Foto zu machen oder uns die Landschaft anzuschauen. Einige hundert Meter weiter auf der Piste überholen wir einen torkelnden Wanderer in voller Tarnmontur, Angel und Brennholz hinter sich im Schlepptau. Sieben Pfützen und dreiundvierzig Schlaglöcher später stoßen wir auf die nächste Fahrzeugkolonne martialisch hergerichteter 4x4-Fahrzeuge. Kurz darauf kommt uns ein riesiger Kamaz-LKW entgegen, der das Gelände unter seinen enormen Reifen und seinem Gewicht praktisch einzuebnen scheint. Wir sind zwar weit und breit die einzigen Ausländer, aber bei russischen Offroadern scheint Rybatschi sehr beliebt und angesagt zu sein.
Wir biegen in einen kleinen Weg Richtung Fluß und suchen nach einem möglichen Nachtlager, aber auch dort sind wir nicht die einzigen, und ein mittelgroßer Müllberg türmt sich neben einer alten Feuerstelle auf. Das Wetter trübt sich ein und das mittlerweile sehr vertraute Grau legt sich wieder über die Landschaft. Wir beschließen umzukehren. Mit Sicherheit wären wir weitergefahren wenn wir hier am Anfang der Reise gewesen wären. Aber nun am Ende, bereits voll mit Eindrücken, suchen wir zum Ausklingen mehr die Ruhe und Abgeschiedenheit.
Und so schleichen wir wieder zurück und fühlen uns in unserer Entscheidung bestätigt, als uns weitere Gruppen mit Flaggen bestückter Fahrzeuge entgegenkommen.

Zurück auf der Hauptstraße führt der Weg durch zahlreiche gesperrte Ortschaften. Immer wieder weisen Schilder daraufhin, daß es untersagt ist, die Straße zu verlassen. In Sputnik beispielweise würde man gar nicht auf die Idee kommen, denn zu beiden Seiten türmen sich Mauern mit Stacheldraht garniert auf, die die dahinterliegenden Militärgelände abschirmen. In langen Reihen stehen Panzer und anderes Militärgerät akkurat aufgestellt zwischen Kasernen.

Gegen Abend erreichen wir Zapoljarny, flächenmäßig die größte Stadt Russlands. Auf der Suche nach dem einzigen Hotel entdecken wir schnell den Grund dafür. Wohin das Auge reicht breitet sich vor uns das riesige Industriegelände aus. Grau vermischen sich die Schwaden aus den Schornsteinen mit den tiefhängenden Wolken und der Anblick mutet fast postapokalyptisch an.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf die Suche nach unserem eigentlichen Ziel, den Überresten der Kolabohrung. Diese steht, seit wir vor einigen Jahren durch Zufall einen kurzen Bericht darüber gelesen hatten, auf unserer Liste zu besuchender Orte. Zwischen 1970 und 1989 wurde dieses Gebiet aufgrund seiner seismischen Inaktivität und der alten Gesteinsschichten auserkoren, Schauplatz der tiefsten Bohrung in der Geschichte der Menschheit zu werden. 12262 Meter tief hatte sich der Bohrer am Ende ins Erdinnere gearbeitet. Von dem einstigen Vorzeigeprojekt der Sowjetunion ist heute nicht mehr viel übrig. Die Anlage wurde komplett aufgegeben und steht heute verlassen in der Tundra, südwestlich von Zapoljarny. Wir wissen nur grob wo sich die Stelle befinden soll, und so stehen wir bald vor einer Schranke und einem Kontrollposten zu einem Industriegelände, wo wir abgewiesen werden. Wir versuchen einen anderen Weg, der allein von der Richtung her stimmen könnte.
Wie so häufig bei besonderen Unternehmungen rankten sich auch um die Kolabohrung viele Geschichten. Es wurden Mikrofone in das Bohrloch herabgelassen und die aufgenommenen Echos seismischer Aktivitäten wurden als Stimmen aus der Tiefe gedeutet; und es wurde gemunkelt, die Arbeiter hätten Schreie vernommen und möglicherweise die Hölle angebohrt.
Und so stehen wir nach kurzer Fahrt vor unserem kleinen, verspielten Höllenhund.

Vom Gebell des Zerberus aus der Hütte gelockt, tritt, wie Charon der Fährmann, der Besitzer des kleinen Hundes heraus, und ich hoffe, er kann uns sagen, wo wir weitersuchen müssen. Mangels Sprachkenntnissen bohre ich mit meinem Finger ein Loch in den Sand und deute eine unermessliche Tiefe an. Er scheint sofort zu wissen, was ich meine, nickt und zieht sogleich die Eisenkette ein. Etwas verwundert steige ich ins Auto und wir fahren tiefer hinein. Links und rechts des Weges türmen sich riesige, schwarze Halden von abgebautem Gestein auf. Die Natur scheint tot. An vielen Stellen ist der Boden von einer dunklen Schicht überzogen, wie ein staubiger Zuckerguß, aus dem vielerorten die abgestorbenen Überreste von Bäumen ragen.

Die Piste führt viele Kilometer durch sehr abwechslungsreiches Gelände, mal über scharfkantiges Geröll, dann wieder durch sandige Passagen und am Ende steigt es an zu einer schönen Aussicht über die Tundra. Je weiter wir fahren, desto natürlicher mutet die Umgebung wieder an. Es scheint als würde sich die Natur mit jedem Meter der zwischen ihr und der Industrieanlage liegt, erholen. Alles was bleibt ist ein eigenartiger Geruch und metallischer Geschmack auf der Zunge.

Und dann sehen wir sie vor uns, am Fuße eines kleinen Hanges und eingebettet zwischen zwei Seen, die Reste des einstigen Stolzes der Region. Der einstmals zwanzig Stockwerke hohe Turm, der das Bohrgestänge beherbergte, ist mittlerweile abgerissen. Es ist ein besonderes Gefühl hier zu stehen und zu wissen, daß man es gefunden hat. Ohne Wegweiser, ohne Reiseführer, mit nur wenigen Informationen, viele Kilometer nur nach GPS und der groben Richtung haben wir uns vorgearbeitet und es hat sich ausgezahlt. Man könnte sagen, daß es nur eine verfallene Industrieanlage ist, aber für uns bedeutet es in diesem Moment sehr viel mehr.

Wir nähern uns langsam und bedächtig den verfallenen Gebäuden und da wir die letzten Stunden niemandem begegnet sind, verwundert es uns ein wenig, hier, zwischen den Überresten, einen UAZ-Bus und zwei Männer anzutreffen. Diese suchen in den Ruinen nach noch verwertbaren Dingen und Rohstoffen und sind nicht begeistert, uns zu sehen. Recht schnell packen sie ihren Bus voll und fahren davon.

Es ist eigenartig, durch die vom Verfall gezeichneten Gebäude zu gehen, durch riesige Hallen, durch ehemalige Büros und Unterkünfte der Arbeiter hin zu den Kontrollräumen. Gasmasken liegen auf dem Boden, dazwischen Dokumente und Kleidung. Es scheint, als wären von einem Tag auf den anderen alle Sachen aufgegeben und einfach zurückgelassen worden. Und so wirkt der verlassene Ort eigentümlich erfüllt von den Spuren einstiger Betriebsamkeit.

Wir wandern eine ganze Weile durch die Anlage und lassen den Ort auf uns wirken, der an einem landschaftlich so schönen Ort liegt. Und schließlich finden wir es, abgedeckt mit einer verschraubten Metallplatte: das im Durchmesser etwa zwanzig Zentimeter messende Bohrloch. Für einen Moment sind wir still, hören jedoch keine Stimmen aus der Tiefe zu uns nach oben dringen.

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