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Kapstadt des Nordens

Entschlossen und ein wenig verträumt schaut Aljoscha nach Westen. Sein Blick geht zum "Tal der Ehre" hin, wo vor über 70 Jahren die Rote Armee, der er auch angehört, in verlustreichen Kämpfen die Wehrmacht zurückgeschlagen hat. Seine Waffe steht fest neben ihm, zu seiner Rechten eine in Trauer über die Gefallenen gesenkte Flagge. Zu seinen Füßen liegen die Knochen eines unbekannten Soldaten unter einer Marmorplatte und ewiges Feuer flackert lebendig im Wind. Stahlhelme liegen daneben, manche von Geschossen zerfetzt. Aljoscha ist über 35 Meter hoch und ragt steinern über einem unbebauten, von Bäumen und Büschen bewachsenen Hügel auf. Unter ihm erklingt das Surren von Schiffsmotoren und der Lärm von Kränen und vollbeladenen Containerzügen, die sich auf einem der vielen Schienenstränge in Bewegung setzen. Könnte Aljoscha seinen Kopf von hier aus nach Süden drehen, so breitete sich Murmansk vor ihm aus.

Die dreizehn Heldenstädte des Großen Vaterländischen Krieges.

Wir fahren auf der M18 zunächst hoch über der Stadt nach Norden, bevor die Straße, die hier an allen Ecken und Enden im Bau ist, eine Abzweigung hinunter zur Kola-Bucht aufmacht. Und bekommen beim Blick Richtung Wasser eine Ahnung, warum man Murmansk manchmal auch "Kapstadt des Nordens" nennt.

Die Suche nach einem bezahlbaren Hotel gestaltet sich schwierig, wir irren durch labyrinthartige Plattenbauwohnviertel und stehen vor verwitterten, geschlossenen Türen. Auch hier in Murmansk setzt sich unser im restlichen Norden Russlands gewonnener Eindruck fort: kleine Hotels und Übernachtungsmöglichkeiten verschwinden oder stehen leer, die großen und teuren Hotels überleben. Hier sind es vor allem die großen Häuser in der Innenstadt, und im altehrwürdigsten landen wir schließlich auch, dem "Meridian". Im obersten Stockwerk, neben der Präsidentensuite, in der Russlands Regierungschef Medwedew schon genächtigt hat. Und genießen für zwei Nächte ein wenig Luxus in einem kleinen Appartement - insbesondere die Aussicht von unseren Fenstern im neunten Stock.

Der Dicke wird sicher auf einem bewachten Parkplatz hinter dem Hotel untergebracht.

Gegenüber liegt das 4-Sterne-Hotel Arctica, das höchste Gebäude weltweit oberhalb des Polarkreises, und wie wir später erfahren sollen, ein paar Euro günstiger als das von uns gewählte, dafür aber mit weniger Patina.

Den Horizont säumen Hochhäuser, eins dem anderen zum Verwechseln gleich, grau und stumpf reihen sie sich aneinander den Hügel hinauf, ausgehend vom Hafen. Vor unserem Fenster breitet sich Murmansk aus, die mit Abstand größte Stadt jenseits des Polarkreises. Mit seinem Dank des Golfstroms ganzjährig eisfreien Hafen und dem Zugang zur Barentssee ein überaus wichtiger Standort nicht nur für die russische Nordmeerflotte. Alleine die Namen "Murmansk" und "Barentssee" klingen seit Kindertagen nach Abenteuer in unseren Ohren, Namen die einem immer wieder begegneten, die eine Rauhheit und Faszination ausüben. Und nun steht man selbst an diesem Ort, hört die Geräusche der Metropole von tief unten nach oben, in den neunten Stock des 3-Sterne-Hotels, dringen. Ein Kontrast wie er nur schwer größer sein könnte zu den Nächten zuvor im Dachzelt. Wir genießen die Bequemlichkeit, kosten den Service aus und doch müßten wir keinen Augenblick zögern um uns zwischen den beiden Welten zu entscheiden. Stets würden wir das Dachzelt vorziehen.

Am nächsten Tag machen wir uns auf zum verwaisten Personenhafen. Das Terminal ist genauso geschlossen wie das nur noch durch verblasste Schilder auszumachende Hotel und Restaurant.

Dennoch hat sich eine Traube von Einheimischen am Kai gebildet - genau wie wir wollen sie die Lenin besuchen, den ersten Atomeisbrecher der Welt. 1959 in Dienst gestellt und bis 1989 auf der Nordostroute unterwegs, liegt das Schiff heute als Museum am Murmansker Hafen, das leider nur mit Führung zu betreten ist.

Und die geht äußerst rasant vonstatten. Da wir von den Erläuterungen des Rosatom-Angestellten leider nur hie und da ein Wort verstehen, freuen wir uns aufs Photographieren und die neuen, sehr schön und futuristisch aufgemachten, auch auf Englisch zu habenden, interaktiven Informationspaneele. Aber weit gefehlt, bleibt man kurz stehen, um ein Photo zu machen, hat man schon den Anschluß an die Gruppe verloren und wird von mürrischen Wächtern durch die Schiffsgänge gejagt. Und kaum fangen wir an, uns in die spannenden Erklärungen auf einem Bildschirm einzulesen, geht es auch schon weiter. Der Reaktorraum mit dekorativ aufgehängter Brennstabhülle zieht genauso schnell an uns vorbei wie der Maschinenraum und die Offiziersmesse. Auf der Brücke haben wir immerhin ein paar Minuten, viele machen Selfies mit dem Steuerruder. Uns bleiben nur viele flüchtige Eindrücke von einem besonderen Schiff, das wir gerne ausführlich und am liebsten ohne Gruppe erkundet hätten.

Unser dritter Tag in Murmansk beschert uns herrlichen Sonnenschein, und zusammen mit uns strömt gefühlsmäßig die ganze Stadt ins Freie. Wir sind in ein etwas preiswerteres Domizil umgezogen, ein kleines, aber sehr sauberes und freundliches Bed&Breakfast im Osten des Zentrums.

Zu Aljoschas Füßen herrscht Hochbetrieb, ganze Kreuzfahrtschiffsladungen von Touristen lassen sich die arktische Großstadt erklären. Wir treffen beim Durchstreifen der naturbelassenen Hügellandschaft unterhalb der Monumentalstatue von Isaak Brodski einen sehr fitten Mountainbiker, Dmitrij Pirogov. Er lebt in Murmansk und hat ein paar gute Ideen für unsere Weiterfahrt; und er erzählt uns, dass heute Tag der Flotte ist - was all die Uniformierten und die vielen Marineflaggen erklärt, die wir schon den ganzen Tag über gesehen haben. Und er lädt uns ein, bei unserem nächsten Besuch in Murmansk mit ihm und seinen Kumpels eine kleine Tour zu machen, zum Beispiel zum abgelegenen Seidosee inmitten der Lowozero-Tundra.

Wir lassen uns aber erstmal weitertreiben zum Semjonowsee inmitten eines Parks nördlich des Stadtzentrums. Und geraten mitten in den bunten Lärm eines kleinen Vergnügungsparks...

...treffen eine der gemütlichen Katzen auf Wanderschaft...

...und staunen über die wenigen Freßbuden, vor denen sich dann auch sehr lange Schlangen bilden.

Etwas oberhalb des fröhlichen Treibens erhebt sich in blendendem Weiß und Blau die "Erlöser auf den Wassern"-Kirche, die in den nächsten Jahren beträchtlich vergrößert werden soll. Die im Jahre 2002 geweihte Kirche verdankt ihren Namen einer Ikone, auf der Jesus über das Wasser gehend dargestellt ist.

Auf der Anhöhe, auf der sich die altrussisch anmutende Kirche erhebt, gibt es ein großes Thema: Das Gedenken an die Opfer Russlands, die auf See geblieben sind. Unweit des Gotteshauses ragt ein Leuchtturm in den Himmel, der eigentlich keiner ist, sondern ein Mahnmal für diejenigen Seeleute, die in Freidenszeiten auf dem Meer gestorben sind. Ihre Namen werden in ein Buch im Inneren des Turmes eingetragen.

Und auch an die U-Boot-Besatzungen, welche in friedlichen Zeiten umgekommen sind, wird hier erinnert: Ein Teil des Turms des im Jahre 2000 gesunkenen Unterseebootes "Kursk", bei dessen Havarie 118 Menschen ums Leben kamen, steht ein paar Meter neben dem Leuchtturm.

Frisch vermählte Paare besuchen traditionell solche Gedenkstätten, legen ein paar Blumen ab und beten.

Als es Abend wird, besuchen wir noch einmal das "Grüne Kap" und Aljoscha, folgen seinem Blick gen Westen und beobachten die tiefstehende Sonne über der Bucht und den weichen Hügeln der Kolahalbinsel und nehmen Abschied von Murmansk.

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