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Am Ladogasee

Plötzlich taucht er zwischen den Kiefern am sandigen Ufer des Ladogasees auf. Er schleicht sich nicht an, sondern trottet gemächlich zwischen den Bäumen hin und her, schnüffelt mal hier, mal dort. Wir halten Ausschau nach seinen Besitzern und stellen uns schon auf Frauchen oder Herrchen ein, das gleich nach ihm aus den Büschen kommt. Aber nichts dergleichen, ganz offen kommt der Schäferhundmischling auf uns zu und läßt sich nach erstem Beschnuppern auch sofort streicheln. Natürlich geben wir etwas von unserer Wurst ab, die er genüßlich verschlingt. Dann ist es Zeit für ein paar weitere Streicheleinheiten. Völlig ohne Scheu legt er sich auf den Rücken und läßt sich richtig durchkraulen. Und wenn wir aufhören hebt er seine rechte Pfote, wie um uns anzustupsen und um mehr zu bitten. Eine kleine Weile legt er sich dann noch zu uns in den warmen Sand am morgendlichen Lagerfeuer, ganz so, als würde er schon immer zu uns gehören. Dann verschwindet er wieder zwischen den Kiefern, vielleicht um bei einer der Familien, die in einiger Entfernung von uns am Ufer des Sees ebenfalls ihr Nachtlager aufgeschlagen haben, auch etwas abzustauben.

Nach unserem Ausflug zur Klosterinsel Walaam haben wir Sortavala den Rücken gekehrt und erkunden nun das Ostufer des riesigen Ladogasees, welcher immer wieder meeresgleich zwischen den Wäldern aufblitzt, bis zum Horizont nichts als Himmel und Wasser. Dreißigmal würde der Bodensee in diesen größten See Europas passen, allein seine Inselfläche übersteigt die Gesamtfläche des Bodensees. Hier an seinen Ufern siedelten bereits sehr früh Karelier und Wepsen, manche sagen, dies sei das Herz Kareliens.

Immer wieder finden wir Gedenkstätten am Wegesrand. Meist sind dies Erinnerungen an die Gefallenen der beiden Weltkriege, vor allem des zweiten; hier wird insbesondere des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945 gedacht, also des Krieges zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich. Immer wieder Berge von Plastikblumen, manchmal auch frische - in diesem Jahr feierte Russland 70 Jahre Sieg über die Deutschen.

Hier wurden zu Ehren der Gefallenen etwas Vodka und ein paar Zigaretten hinterlassen.

Manche Erinnerungsstätte hat auch weniger globale politische Bedeutung. Als kleine Mahnmale stehen die Kreuze verunglückter Autofahrer in regelmäßigen Abständen am Straßenrand, und oft hat man ihnen Teile ihrer Unglücksfahrzege beigelegt, Reifen, Scheinwerfer, verbogenes Blech.

Immer wieder fahren wir auf meist sehr löchrigen, kleinen Straßen durch Dörfer, die oft nicht mehr sind als winzige Ansammlungen von Gehöften. Die aus Holz gebauten und stellenweise bunt gestrichenen Häuser der wenigen Bewohner leuchten in der Abendsonne, wie hier in Kirkkojoki.

Oder in Vidliza, wo uns immer wieder voll beladene Heulaster entgegenkommen. Die Höfe liegen schläfrig in der Nachmittagssonne und das Dach der kleinen Dorfkirche leuchtet golden. Wie lange es diese kleinen Dörfer noch geben wird, kann niemand sagen, schon heute stehen viele der Holzhäuser leer oder sind bereits verfallen. Wohlhabenderer Stadtbewohner kaufen mancherorts die Häuser auf und sie dienen ihnen als Feriendomizile. Man sieht, wenn überhaupt, eher ältere Menschen in den Straßen; die Jungen zieht es in die Städte.

Wandert man abseits der Straße ein wenig in die Wälder, landet man oft an wunderschönen und völlig einsamen Seen. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass hier der Untergrund, auf dem man steht, bedenklich nachgibt. Kaum hat man ein paar Photos geschossen, sind die Schuhe schon um einige Zentimeter tiefer gesunken. Die Torfmoosdecke wirkt zwar auf den ersten Blick gut betretbar, aber länger sollte man nicht an einem Ort stehenbleiben.

Schließlich ist es Zeit, uns ein Nachtlager zu suchen. Wir spielen mit dem Gedanken, den Dicken irgendwo mitten in einem der dichten Kiefernwälder zu verstecken.

Aber der Ladogasee lockt uns doch zu sehr, und nachdem wir bei Sonnenuntergang eine weitläufige, steinige Bucht entdecken, ist es beschlossene Sache: ein Lagerplatz am See muss her.

Die Bucht eignet sich wegen unmittelbarer Straßennähe zwar nicht, aber nach ein, zwei Versuchen, vom Asphalt auf kleine Waldpfade abzubiegen, werden wir fündig. Weiter Sandstrand, kiefernbestandene Böschungen, und nicht zu viele Hinterlassenschaften anderer Camper. Schnell ist ein Feuer entfacht, und unser Abendessen köchelt im russgeschwärzten Topf direkt auf den Flammen. Bis in die Nacht hinein geniessen wir die unvergleichliche Aussicht auf den Ladogasee, die Ruhe und die Wärme des Feuers.

Am nächsten Morgen verdirbt uns der heftige Wind von Seeseite nach dem Frühstück irgendwann den Spaß. Aber bevor wir unseren Lagerplatz verlassen, darf der Dicke noch ein wenig auf dem Sand am Ufer fahren und für ein paar Photos posieren.

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