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Athos des Nordens

Zwei Mönche sind auf einem kleinen Boot in den meeresgleichen Weiten des Ladogasees unterwegs. Sergei und Herman sind auf der Suche nach einer Stätte, um sich niederzulassen. Plötzlich taucht vor ihnen im blauen Wasser eine kleine, felsige Insel auf. Die beiden betreten diese Insel, und sie beginnt sich zu bewegen; sie bringt die beiden zu einem Archipel aus einundvierzig Inseln im nördlichen Teil des Sees, auf deren größter die Mönche Valaam errichten - heute wieder eines der bedeutendsten Klöster der (russisch-)orthodoxen Welt. Dies soll sich im zehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung zugetragen haben, so erzählt es uns Elena. Die Fremdenführerin mit Strohhut und geblümtem langen Rock spricht hervorragend Englisch und geleitet ihre Gruppe, bestehend aus einem Haufen sehr verschlossener schwedischer Rentner und uns, in ordentlichem Tempo über die Hauptinsel. Freiwillig lassen wir das nicht mit uns machen, aber es geht nicht anders, die Besucher der Klosteranlagen treten nur scharenweise auf und folgen brav den kleinen Schildchen, die überall hochgehalten werden. "Du hörst nicht zu und läufst immer weg", kriegt Jürgen schon bald von Elena zu hören, "deshalb fragst du immer so viel." Da wir lieber Fotos machen, als uns die Klostergeschichte anzuhören, über die wir uns im Vorfeld bereits informiert haben, haben wir bei ihr nicht gerade einen Stein im Brett. Die Geschichte mit dem schwimmenden Felsen ist natürlich eine Legende, erste historische Erwähnungen datieren die Klostergründung eher ins 14. Jahrhundert. Aber ein kleines göttliches Wunder steht Walaams Historie doch besser zu Gesicht.

Um es überhaupt auf die Klosterinsel zu schaffen, müssen wir erstmal mit Russland ein wenig besser Bekanntschaft machen. Nachdem wir Kostomukscha hinter uns gelassen haben, geht es mal über sandige Pisten..

..mal gut durchgerüttelt über Schlaglochteppiche mit und ohne Asphalt..

.. dann aber wieder über hervorragende und teils fast leergefegte Straßen zunächst nach Osten und dann nach Süden. Dichte, grüne Wälder und weitläufige Sümpfe ziehen an den Autofenstern vorbei.

Wenn man anhält und sich nicht von gelegentlichen Hinterlassenschaften anderer Fahrer..

..oder riesigen Rinderbremsen und anderem blutgierigen Getier nerven läßt, kann man hier wunderbare Stille geniessen.

Auch auf einem verlassenen, von einer einsamen Möwe beaufsichtigten Rastplatz entlang der M18.

Die Magistrale St. Petersburg - Murmansk läßt in Sachen Straßenzustand keine Wünsche offen. Hier merkt man allerdings schnell die Entfernungen, die manchmal zwischen zwei Orten liegen und die gerade bei gutem Straßenbelag und wenig russischen Fahrern auf Überholkurs sehr ermüdend sein können. Dieser Müdigkeit nachgebend suchen wir am frühen Abend einen Rastplatz und trauen unseren Augen kaum, als wir kurz vor Kondopoga tatsächlich am Straßenrand auf einem Schild das Wort "Camping" in kyrillischer Schrift entziffern. Es gibt sie also doch, russische Campingplätze! Die sanitären Anlagen sind eher als rudimentär zu bezeichnen, aber dafür steht der Dicke schnell mit aufgeschlagenem Dachzelt unter hohen Kiefern um Seeufer, und wir sitzen gemütlich am Lagerfeuer und geniessen unser Abendessen. Es dauert nicht lange und wir bekommen Gesellschaft: Sloba und seine Frau aus der Stadt Vladimir geben uns ein Gläschen Balsam (russischer Kräuterschnaps) aus und wir kommen mit unseren rudimentären Russischkenntnissen dennoch ins Gespräch. Der Familienvater Jura, der bald geschäftig einen kleinen Holzkohlegrill neben uns aufbaut, kann ein paar Brocken Englisch, und so komplettiert sich mit Juras Frau und Tochter Lisa nebst Hündchen Mika eine gemütliche Runde am Feuer. Wir trinken auf die Gesundheit und die Freundschaft und sitzen bis in die Nacht hinein zusammen.

Am nächsten Morgen kommt Jura neugierig zum Dicken. "Wo schlaft ihr eigentlich?", fragt er mit einem Blick auf das vollgepackte Auto. Natürlich darf er sofort auf die Leiter und das Dachzelt näher begutachten. Für uns geht es weiter in Richtung Sortavala, eine kleine Stadt am nördlichen Ufer des Ladogasees, die dieses Jahr ihr 380jähriges Bestehen feiert. Und nicht nur das, ausgerechnet an diesem Wochenende, an dem wir dort eintreffen, findet auch noch ein russisch-finnisches Musikfestival statt. Die Sonne brennt vom Himmel, die Hotels scheinen alle brechend voll oder zu teuer oder gar beides zu sein, und auch am Hafen haben wir wenig Erfolg auf der Suche nach Tickets hinüber nach Valaam. Alle Aushänge und Tafeln ausschließlich auf Russisch, die Touristinformation scheint nicht mehr betrieben zu werden, kaum jemand spricht etwas anderes als die Landessprache. Schließlich finden wir doch noch ein Zimmer in einem Musterbau aus sozialistischen Zeiten, dem Hotel "Sofia"; es wird als eine Art Lehrhotel von Auszubildenden des Hotelgewerbes betrieben, ist günstig und hat irgendwie auch einen besonderen Charme. Als abends die Sonne golden untergeht und durch die etwas baufällige Gegend ferner Chorgesang weht, weicht die leichte Überforderung und der Frust des Tages langsam dem Gefühl, hier an einem besonderen Ort gelandet zu sein.

Frisch und ausgeruht sieht die Lage am nächsten Morgen schon viel besser aus. Der zweite Hinweis auf eine Touristinformation erweist sich zwar abermals als Sackgasse, aber wir kommen auch ohne aus. Das Büro des Tourveranstalters für die Fahrten nach Walaam ist schnell gefunden, und für umgerechnet 56 Euro pro Person können wir uns also am nächsten Tag von einem Fremdenführer für vier Stunden über die Klosterinsel schleifen lassen. Wir ziehen um ins Hotel "Scandinavia", in Sachen Sowjetcharme dem anderen Hotel in nichts nachstehend.

Sortavala erweist sich als nette kleine Stadt, besonders die Hafenpromenade hat es uns schnell angetan, vor allem da wir hier unverhofft am frühen Abend ein kleines Rock-/Metalkonzert lokaler Bands mitbekommen.

Unsere Vorräte lassen sich in Sortavala auch problemlos auffüllen.

Ruths neues Lieblingsauto - gleich nach dem Dicken natürlich.

Der hier ließe sich aber auch gut zum Reisemobil ausbauen.

Schließlich sitzen wir an Bord eines Meteor-Tragflügelbootes nach Walaam, den Dicken haben wir auf einem bewachten Parkplatz am Hafen abgestellt. Um Punkt neun Uhr starten zwei dieser Boote vollbeladen mit Pilgern und Touristen zu den etwa fünfzig Kilometer vor der Nordküste des größten Sees Europas gelegenen Inseln. Nach etwa fünfig Minuten gemütlichen Rasens über die Wellen sieht man den Glockenturm der Verklärungskirche, Weiß und Blau vor blassem Wolkenhimmel. Die größte Glocke darin ist, wie vieles hier, eine Nachbildung; als die damals finnischen Mönche im Winterkrieg 1939/40 zwischen Finnland und Russland über das Eis des Sees nach Westen flüchteten, fand die ursprüngliche Glocke angeblich unwiederbringlich im Ladogasee ihre Ruhestätte.

Dann startet des Programm Walaam. Grüppchen scharen sich um die Fremdenführer, die Geschichte des Klosters wird heruntergebetet, allzu Unschönes wird dabei leise unter den Teppich gekehrt. Mit strammem Schritt geht es in den inneren Klosterhof, hier haben Frauen nur mit Kopfbedeckung und ausgeliehenem Überrock und Kameras gar keinen Zutritt. Trotz aller Hektik und den vielen Besuchern beeindruckt die mächtige Verklärungskirche in strahlendem Weiß und Himmelblau vor dem langsam aufklarenden Himmel und kommt im Sonnenlicht erst zu ihrer vollen Pracht.

Das Innere des erst seit den späten achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts wieder als Klosterkirche dienenden Gebäudes ist zweigeteilt. Die untere, düstere Winterkirche, während der Sowjetzeit ein Gemüsemarkt, ist heute all ihrer Wandfresken beraubt, und auch die Ikonen sind neueren Datums. Bis auf eine, die wundertätig sein soll, trat aus ihr doch während der Renovierungsarbeiten an der Kirche angeblich eine besondere Flüssigkeit aus. Auch der meistvereherten Ikone des Klosters, einem Marienbildnis, sagt man solche Wunder nach, sie soll beispielsweise Rheuma heilen können. Dass es sich nur um eine Kopie der ursprünglichen Ikone handelt, stört die Gläubigen keineswegs. Sie hängt in der oberen, um ein Vielfaches größeren Kirche, die voller Ikonen und Menschen ist, denn es findet gerade ein Gottesdienst statt. Feierlich in all dem Gewusel ist nur der Gesang der Mönche hinter der Ikonostase. Wir drängeln uns wieder ins Freie und werden gleich weiter geschleust, zu einem kurzen Ständchen einer Gruppe von professionellen Kirchenmusikern.

Auf dem kleinen Friedhof ungewöhnliche, weiß bemalte Grabsteine; der älteste erinnert an den Mönch Grigori, einer Legende nach ein schwedischer König, der Walaam eigentlich erobern wollte, dann aber Schiffbruch erlitt und von den Mönchen gerettet wurde. Allerorten wird gebaut, hier ein Hotel, dort eine Grünanlage. Unten am Hafen warten bereits die Souvenirverkäufer.

So bleiben nur kurze Eindrücke, flüchtige Bilder, ein paar Geschichten von Walaam im Gedächtnis. Die Mönche liegen im Streit mit den paar wenigen Bauern, die noch auf dem Archipel ihr Leben bestreiten. Sie wollen sie weghaben, wollen nur noch die Arbeiter dauerhaft auf ihren Inseln sehen, die sie jederzeit wegschicken können. Das Pilgergeschäft floriert, aber zumindest bei einem solch kurzen Aufenthalt wie unserem sucht man vergeblich nach Ruhe und Abgeschiedenheit. Die vielen Skiten und Einsiedeleien, die überall auf den Inseln zu finden sind, zeigen, dass viele der Mönche bei aller Geschäftstüchtgkeit auf ihrer Hauptinsel auch nicht zur Ruhe kommen.

Der Eingang zum inneren Klosterhof.

Für uns geht es weiter ins Neue Jerusalem; dazu umrunden wir die Hauptinsel teilweise und landen auf ihrer anderen Seite an, etwa zehn Kilometer von der Verklärungskirche entfernt. Nach einem Besuch im Gelobten Land wollten ein paar Mönche besondere dortige Stätten auf Walaam nachbauen, um den Pilgern die beschwerliche Reise nach Jerusalem abzunehmen. So gibt es hier nicht nur Zion, sondern auch einen Garten Gethsemane. Wir essen dort erstmal im Eiltempo zu Mittag, Borschtsch, dann Fisch mit Gemüse. Auch ein Kaffee wird eilig heruntergespült. Dabei erzählt uns die Anführerin der Schweden-Truppe, dass man von ihrem Land aus wohl gar kein Visum als Individualreisender nach Russland bekäme und beneidet uns augenscheinlich ein wenig um unseres. Auch die Grabeskirche kann man hier besichtigen, ganz ungewöhnlich ihr Aufbau, ohne Ikonostase, dafür mit einer Art Höhle im hinteren Bereich, die an das Grab Jesu erinnert. Ein wenig werden wir noch durch die schönen Wälder der Insel geführt, hier soll es sogar Elche geben. Und im Winter verirren sich manchmal Wölfe nach Walaam, sie kommen über den zugefrorenen Ladogasee, bleiben aber nicht, da die Insel ihnen zu klein ist.

Wir würden gerne noch etwas bleiben, die Ruhe nach den Pilgerscharen und den Sonnenuntergang hier geniessen. Aber für die Gästehäuser der Insel fehlt uns das Geld, und so sitzen wir bald wieder im Tragflügelboot, diesmal auf den Stufen ganz hinten, unter uns heult der Motor, hinter uns verschwinden die weißblauen Türme und Kuppeln langsam in der Gischt.

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