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Zwei Nächte unter Bären

Die Stunden verstreichen, mal scheinbar in Windeseile, dann wieder zäh wie Honig; die Lichtstimmungen vor unserem Unterschlupf ändern sich ständig und wir müssen stetig der Versuchung widerstehen, nicht unablässig auf den Auslöser unserer Kameras zu drücken. Auch wenn wir die Kameras im Flüstermodus betreiben, besteht doch die Gefahr, daß das kleinste Geräusch die Bären oder Vielfraße zum Fernbleiben veranlassen könnte. Das Knarren des Holzes, aus dem die Unterstände gebaut sind, das nervtötende Scharren der Plastikstühle auf dem Boden bei unsereren kleinsten Bewegungen, das alles erscheint uns schon zu laut für Bärenohren.

Wir sind schon einen Tag früher als geplant in der Wild Brown Bear Lodge nahe der russischen Grenze angekommen und stellen uns dicht an den See zwischen ein paar Bäume. Außer uns sind noch zwei junge Briten da, die gerade daran arbeiten, Naturfotografen zu werden, ein Fotograf aus Schweden und eine Gruppe aus Estland. Beim ersten Blick in den Hauptraum der Lodge, an dessen Wänden unzählige Fotos von Wildtieren hängen und sich auf den Tischen Bildbände von Fotografen aller Herren Länder stapeln, fühlen wir uns sehr wohl und gut aufgehoben. Leider stellt es sich heraus, daß einige hier meinen, die Dicke des Objektives, das sie auf ihre Kamera packen, würde sie zu etwas Besonderem machen. Und so tritt manch einer für unseren Geschmack zu großspurig auf. Ari Sääski, der Besitzer der Lodge, erklärt uns kurz ein paar Verhaltensregeln im Umgang mit den Bären und wir können auf dem Gelände kostenlos campen und die Duschen nutzen. Für die erste Nacht besprechen wir uns kurz und suchen uns einen Unterschlupf aus. Da unsere längste Brennweite, die wir auf der Reise dabei haben, ein 200mm-Objektiv ist, beschließen wir, in die Nähe eines kleinen Sees zu gehen. Denn dort tauchen die Bären sehr dicht vor dem Unterschlupf auf, so daß wir sie auch gut mit dem Weitwinkel oder mittleren Tele erwischen können.

Von der Lodge aus geht es einige hundert Meter zunächst durch Wald und bald durch sumpfiges Gelände. Teilweise sinken wir bis zu den Knien ein und wir fragen uns, wie ein zweihundert Kilo schwerer Bär hier wohl durchkommen mag. Wir gelangen an einen kleinen See und sehen im Hintergrund, dicht am Wald schon die Unterstände.

Die Umrisse der Bäume heben sich gegen den Nachthimmel ab, ein sich unablässig änderndes Farbenspiel vollzieht sich vor unserem schmalen Guckschlitz. Immer dichter werdende Nebelschwaden sammeln sich mit der fortschreitenden Nacht über dem kleinen See, versperren bald schon die Sicht zum entfernten Ufer und bleiben in den Baumkronen hängen.

Stunde um Stunde lassen wir unsere Blicke von links nach rechts wandern, auf kleinste Bewegungen und Geräusche achtend. Seit fünf Uhr abends sitzen wir in Schlafsäcken auf kleinen Stühlen in unserer zeitweiligen Behausung, ungefähr zweieinhalb auf eineinhalb Meter in den Abmessungen. Heizte zunächst noch die frontal vor uns stehende Sonne die Luft drinnen auf über dreißig Grad auf, herrschen mittlerweile kühlere Temperaturen. Vor uns stehen unsere Kameras auf Stativköpfe montiert, bereit, jederzeit loszulegen, sollte sich ein nächtlicher Besucher vor sie wagen. Daneben ausgebreitet Ersatzakkus, Objektive, Speicherkarten. Am Rand neben unseren Stühlen Wasser und Verpflegung für die nächsten vierzehn Stunden. Auch nach mehreren Stunden, ohne daß sich etwas geregt hätte, ist von Müdigkeit keine Spur. Viel zu angespannt und aufgeregt sind wir als daß wir auch nur einen Gedanken ans Schlafen verschwenden könnten.

Und dann, kurz nach Mitternacht, ist es plötzlich soweit. Als wir schon widerstrebend versuchen, uns mit dem Gedanken anzufreunden, daß wir unter Umständen keine Bären vor die Linse bekommen, taucht seitlich zwischen Bäumen aus dem Nebel ein großer männlicher Braunbär auf. Brutus, wie wir am nächsten Tag erfahren, ist ein schon alter und kräftiger Artgenosse, und seinem sicheren Auftreten ist zu entnehmen, daß er nichts befürchtet und sich seiner Erscheinung sehr gewahr ist. Er durchwandert ein weites Gebiet, erzählt uns Ari, verschwindet im April meist, und kommt im Laufe des Sommers erst wieder zurück.

Wir sind erstaunt, wie leise er sich bewegt. Wir hatten damit gerechnet, durch Knacken und Rascheln die Tiere schon von Weitem zu hören, aber trotz ihrer Größe bewegen sie sich unglaublich leise. Langsam schreitet er vor uns vorüber über den sumpfigen Untergrund, bleibt stehen, reckt seinen Kopf in die Höhe und wittert. In manchen Momenten haben wir das Gefühl, als würde er ahnen, dass wir da sind, nur ein paar Meter von ihm entfernt. Er sucht zielsicher die kleinen Holzkisten ab, die Ari und sein Team jeden Tag mit kleinen Fleischportionen füllen. Das machen sie auch dann, wenn die Lodge gar keine zahlenden Gäste hat; die Bären sind an diese leckeren Häppchen gewöhnt und würden vielleicht nicht wiederkommen, wenn sie ein paar Tage nichts finden. Brutus bekommt Konkurrenz von unerwarteter Seite. Eine Schar Möwen hat die Sache mit der Holzkiste wohl schon länger durchschaut und wittert leichte Beute. Der massige Bär versucht kurzzeitig, sich der fliegenden Biester zu erwähren, gibt dann aber genervt auf und trottet davon.

Kurze Zeit später schaut ein zweiter Bär vorbei, ein Weibchen, viel kleiner und jünger als Brutus und von hellbrauner Fellfarbe. So recht traut sie sich nicht in unsere Nähe oder zu den Futterverstecken, vielleicht auch aus Respekt vor dem großen Artgenossen, der vor ihr da war.

Wir sehen in dieser Nacht noch drei weitere Bären. Einer umrundet den kleinen See, verschwindet dabei zeitweise am anderen Ufer im dichten Nebel, taucht aber zur Freude unserer ratternden Kameras wieder auf und durchsucht die Fleischverstecke in unserer Nähe. Zwischen all der Aufregung und unseren Bemühungen, die Tiere so gut wie möglich auf unsere Speicherkarten zu bannen, dringt langsam aber sicher in unser Bewußtsein ein, wie unglaublch das ist: wir sitzen nur ein paar Meter entfernt von diesen wilden Tieren, die wir zum ersten Mal in ihrer natürlichen Umgebung vor der Linse haben.

Ein weiteres, heute sehr seltenes Tier wagt sich in dieser ersten Nacht auch gleich sechsmal vor unsere Kameras, auch wenn es schwer zu sagen ist, ob es sich dabei um ein besonders umtriebiges Exemplar oder um mehrere Tiere handelt. Und es läßt sich auch nur recht schwer fotografieren, da es sehr schnell und immer etwas geduckt unterwegs ist. Die Rede ist von einem Vielfraß, von denen es in Finnland nur noch weniger als zweihundert Exemplare gibt. Auch unser Vielfraß weiß genau um die Fleischverstecke, schaut sich zwar bei seiner Suche immer wieder vorsichtig um, als wüßte er genau, welche ungleich größeren Tiere diese Brocken auch noch für sich beanspruchen - wird dann aber doch schnell fündig und schleppt ein ordentliches Stück Fleisch schnell in Sicherheit. Faszinierend sind seine großen, kräftigen Eckzähne, die ihn trotz seiner putzigen Erscheinung eindeutig als Räuber ausweisen, der gelegentlich auch junge Rentier- und Elchkälber anfällt.

Das Anfüttern der Bären kann man durchaus kritisch betrachten. Sicher ist es für Tierfotografen sehr bequem und in gewisser Weise auch eine sichere Sache, steigt die Chance, die Tiere abzulichten doch enorm im Gegensatz dazu, wenn man sich irgendwo auf die Lauer legen würde. Gleichzeitig beeinflußt das aber auch das Verhalten der Tiere und man bringt sie bewußt in die Nähe der Menschen. So taucht gleich in der ersten Nacht unseres Besuches ein junger Braunbär inmitten der Gebäude der Lodge auf und durchsucht die Mülltonnen. Als wir ihn bemerken und uns ihm langsam nähern flüchtet er mit einer kleinen Tüte mit Essensresten im Maul in den Wald. Das mag solange in Ordnung sein, solange alles wie geplant läuft. Sollte es aber irgendwann mal einen Zwischenfall geben, wird der Bär die Konsequenzen zu tragen haben und nicht die Menschen, die ihn an sich gewöhnt haben.

Auch wenn es ursprünglich anders geplant war, beschließen wir nach der ersten Nacht auf Bärenjagd mit den Kameras, dass eine zweite Nacht vonnöten ist. Man weiß besser, wie es läuft in solch einem Unterstand, man ist nicht mehr ganz aus dem Häuschen, wenn ein Bär auftaucht. Kurzum, wir buchen bei Ari nochmals einen Unterstand an gleicher Stelle, im Grunde den direkt neben unserem von letzter Nacht. Dies stellt sich als eine sehr gute Idee heraus, und die Beobachtung beginnt vielversprechend. Bereits vor sieben Uhr taucht der erste Bär auf, sammelt ein paar Fleischbrocken ein und versucht, sich von den nahenden Möwen nicht vertreiben zu lassen. Weitere sechsmal sehen wir einen der pelzigen Giganten, auch Brutus ist wieder dabei. Aber unser Glück wird etwas getrübt, denn die Bären schauen zwar immer wieder kurz vorbei, drehen aber recht schnell wieder ab, so als hätte sie etwas aufgeschreckt. Sind wir zu laut, oder die zeitweise schwätzenden und kichernden Briten nebenan? Wurde das Fleisch nicht sorgfältig aufgefüllt? Letztlich haben wir wohl einfach nur etwas Pech, und das ist wohl eine der wichtigsten Lektionen, die man lernen muss, wenn man in Sachen Tierfotografie tiefer einsteigen will: man muss sehr viel Geduld haben. Auch nur ein einziger Vielfraß in dieser Nacht, ihm scheint die Umgebung vor den Unterständen auch nicht ganz geheuer zu sein. Und so atemberaubend schön der dichte Nebel über dem Wasser nach Sonnenuntergang auch ist, wir können nicht umhin, uns eine Bärensilhouette vor diese grandiose Kulisse zu wünschen.

Der Morgen danach.

Als wir nach vier Tagen das Dachzelt abbauen und uns zur Weiterfahrt bereit machen, sehen wir einen der Fotografen aufgeregt mit Kamera an uns vorbeirennen. Wir vermuten schon, was das zu bedeuten hat und folgen ihm leise. Und als wollte er sich zu unserem Abschied noch einmal zeigen, sehen wir ein paar Meter im Wald den jungen Braunbären, wie er an einem Baum lehnt und sich fast wie ein Hund an den Ohren kratzt.

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