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Im Donaudelta

Der Wind pfeift uns schon an Land kräftig um die Ohren. Wir versinken tief in dem kleinen Fischerboot, ziehen unsere Kapuzen fester zu und versuchen, die Kälte zu ignorieren. "Lieutenant Dan" wirft den kleinen Außenbordmotor an, und innerhalb kürzester Zeit jagen wir über einen Kanal hinaus aus Murighiol auf den südlichsten der drei Arme, in die sich die Donau hinter Tulcea aufteilt, den Bratul Sfântu Gheorghe. Jetzt ist es richtig kalt, der schneidende Fahrtwind tut sich mit dem Wind vom Schwarzen Meer zusammen und läßt bald schon Gesichter und Finger leicht taub werden. Wir biegen auf den Uzlina-See ein, der Wind peitscht das Wasser zu ordentlichen Wellen auf. Die Welt um uns herum ist nur noch graues, aufgewühltes Wasser, eisige Gischt, die auf unsere Haut spritzt und das Schlagen des Bootsrumpfes auf die Wellen.

Wir sind seit ein paar Tagen im Donaudelta. Auf dem Weg dorthin haben wir einige Stunden Autofahrt durch die etwas trostlose Dobrudscha-Ebene hinter uns gebracht. Wo vor 2000 Jahren noch dichte Wälder und fruchtbares Land zu finden waren, liegt heute dank übermäßiger Rodung eine der trockensten Regionen Rumäniens. Bei Braila nehmen wir die Donaufähre nach Smârdan, eine der wenigen Möglichkeiten, die Donau Richtung Schwarzes Meer zu überqueren. Mit einem halben Dutzend Pkw voll beladen tuckert die kleine Fähre nach überraschend kurzer Wartezeit in wenigen Minuten ans Ostufer.

Weiter geht es nach Tulcea, für viele Besucher das Tor zum Donaudelta, gibt es hier doch neben vielen Pensionen und (schwimmenden) Hotels auch einige Informationszentren. Außerdem legen hier die zahlreichen Schiffe und Boote, die die Dörfer im Delta anfahren, ab. Da uns aber nicht danach ist, den Dicken durch eine Stadt zu manövrieren, sondern die Aussicht auf die wunderbare Landschaft des Deltas wie ein Magnet an uns zieht, füllen wir unsere Vorräte in einem Außenbezirk auf und fahren dann den südlichen Donauarm entlang in Richtung Murighiol. Der Name des kleinen Ortes ist türkischen Ursprungs und bedeutet "violetter See". Und er ist bei weitem nicht das einzige Zeugnis jahrhundertelanger osmanischer Vorherrschaft in dieser Region.

Wir fahren vorbei an der kleinen Gruppe der Bestepe-Berge. Einsam ragen die nur wenige hundert Meter hohen Hügel aus der topfebenen Landschaft. Die "fünf Hügel", was Bestepe auf türkisch bedeutet, sind eines der ältesten Gebirge der Erde; bereits im Paläolithikum aus reinem Granit geformt, haben sie sämtliche Eiszeiten überdauert und ragen nun heute aus der ansonsten erdgeschichtlich sehr jungen Region des Deltas etwas verloren hervor. Wohin man schaut, endlose Schilfrohrmeere, die sich im kräftigen Wind wiegen, und Bäume, die mitten im Wasser stehen. Dieses Jahr ist der Wasserstand besonders hoch, erzählt uns Rodica Puiu, in deren kleiner Pension wir für die nächsten Tage unterkommen.

Das Donaudelta erstreckt sich über eine Fläche etwa zweimal so groß wie das Saarland. Die Donau teilt sich bei Tulcea in drei Hauptarme auf: den ältesten im Süden, der bei Sfântu Gheorghe ins Schwarze Meer fließt, den mittleren, der bei Sulina mündet und Anfang des 20. Jahrhunderts für den Schiffsverkehr stark begradigt wurde, sowie den jüngsten der drei Arme im Norden, den Chilia-Arm, der in der benachbarten Ukraine sein Ende findet. Durch die hohe Fließgeschwindigkeit in den Hauptarmen ist das Wasser recht trüb, da viele Sedimente mitgeschwemmt werden. Das hat zur Folge, dass die Donau sich immer wieder selbst den Weg versperrt und die Sedimente zu regelrechten Sandbänken aufhäuft. So musste sich das Wasser im Lauf der Zeit immer wieder neue Wege suchen. Und das rumänische Staatsgebiet vergrößert sich ständig in Richtung Osten. Im Sfântu Gheorghe-Arm bahnen sich heute noch etwa 18 Prozent des Wassers den Weg, während im nördlichsten und jüngsten Arm circa 66 Prozent fließen.

Fahrten mit dem Boot ins Delta bietet fast jeder Besitzer einer Pension an; man muss nur abklären, was der jeweilige Bootseigentümer für eine Fahrt verlangt und wie offen er für eigene Routenvorschläge ist. Hinter den Häusern, die sehr oft eigenen Wasserzugang haben, liegen meist kleine Stege, an denen die Boote vertäut sind, mit denen man aufbrechen kann. Ohne ein Boot kommt man hier nicht weit, und viele Dörfer und Ortschaften sind ganzjährig auf keinem anderen Weg als über das Wasser zu erreichen. Je nach Wasserstand gibt es noch einige Wege, die auch mit Fahrzeugen zu befahren sind, doch bei dem aktuell hohen Wasserstand erweist sich das als unmöglich. Was geschieht, wenn man künstlich die Ordnung im Delta verändern will, zeigt sich auf traurige Weise im Ort Dunavatu de Sus, wenn man von Murighiol aus noch tiefer ins Delta fährt. Zu Ceausescus Zeiten wurde hier der Versuch gestartet, die Schilf- und Sumpflandschaft trockenzulegen und für den Ackerbau urbar zu machen. Die Menschen im Ort verloren ihren Wasserzugang, die Böden erwiesen sich als unbrauchbar für die Landwirtschaft, und so ist der kleine Ort heute fast ausgestorben.

Gleich am ersten Abend steht der Mond hell leuchtend am Himmel und spiegelt sich im Wasser des kleinen Kanals bei Dunavatu de Jos, wo wir Halt gemacht haben. Es ist der letzte Ort, zu dem eine Straße führt, tiefer ins Delta geht es nur noch mit dem Boot. Das schöne Bild des Mondes steigert die Vorfreude auf den ersten Ausflug am kommenden Tag.

Entgegen der Wettervorhersage ist es sonnig am nächsten Morgen, doch eine frische Brise zerrt an uns, als wir zum Bootssteg laufen. Gegen zehn Uhr brechen wir auf. Wir fahren zunächst auf dem Hauptarm, der nach Sfântu Gheorghe führt, biegen aber rasch in einen kleineren Seitenarm ab. Dort ist das Wasser wesentlich klarer und der kalte Wind macht uns weniger zu schaffen. Wir sind recht früh im Jahr hier, erst allmählich kehren die ersten Zugvögel zum Brüten zurück ins Delta. Dennoch sehen wir einige der seltenen und streng geschützten Krauskopfpelikane, die mit ihrer Flügelspannweite von über drei Metern einen beeindruckenden Anblick abgegeben. Schon aus der Entfernung hat Dan Puiu, mit dem wir heute unterwegs sind, zwei kleine weiße Punkte am Horizont als Pelikane ausgemacht. Wir sind froh, dass wir überhaupt etwas Helles in all der blauen Übermacht ausmachen können, doch wir könnten niemals sagen, ob es sich nun um einen Pelikan, einen Schwan oder um eine weiße Plastiktüte handelt. Und so steuert er uns zielsicher mit gedrosseltem Motor auf die beiden hellen Punkte zu, die sich tatsächlich als Pelikane entpuppen. Die heimischen Fischer sagen den großen Wasservögeln nach, sie würden am Tag zwanzig Kilogramm Fisch verschlingen, und ihnen so ihre Beute vor der Angel wegschnappen, erzählt uns der Bukarester, der eigentlich Ingenieur ist, aber vor vielen Jahren seiner Passion nachgegeben hat und hierher gezogen ist, wo er nun mit Begeisterung Besuchern das Donaudelta erklärt. "Und dabei haben die Pelikane nur zwölf Kilogramm Körpergewicht!", lacht er, und kann sich richtig in Rage reden, wenn es um die Ignoranz vieler Fischer geht, die trotz Fangquoten und streng geschützter Areale und einer zweimonatigen Schonzeit im Sommer dafür sorgen, dass das Donaudelta nach Dans Ansicht seinen Platz drei als artenreichste Region (nach dem Great Barrier Reef und den Galapagos-Inseln) wohl bald verlieren wird. Kormorane sitzen in kahlen Baumkronen, Rothalstaucher treiben auf den sanften Wellen, Fasane huschen über die Uferbänke, Schwäne schwimmen lautlos zwischen den umhertreibenden Schilfinseln. Eine ziemlich große versperrt uns den Zugang zu einem kleinen See, so dass wir umdrehen müssen. Und einmal stöbern wir eine ganze Kolonie schwarzer Ibisse auf, die mit ihren krummen Schnäbeln im Sumpf nach Nahrung suchen. Über den Uzlina-See geht es vorbei an der gleichnamigen Siedlung, die nach einer verheerenden Überschwemmung heute als reine Hotel- und Pensioneninsel im Sommer viele Besucher anzieht. Und weiter zum Isac-See, einem der größeren Seen in diesem Gebiet.

Immer wieder kommen wir an kleinen Fischerhäuschen vorbei, die mal halb im Wasser stehen, mal windschief den Naturgewalten trotzen.

Abends wartet Rodica Puiu bereits auf uns; sie hat einen kleinen Korb mit drei gefärbten Eiern, etwas Hefezopf und einen starken rumänischen Schnaps für uns vorbereitet und wünscht uns "Paste fericit!" - in Deutschland ist heute ja Ostersonntag! Im überwiegend orthodoxen Rumänien hätten wir das fast vergessen.

Nach zwei Regentagen mit heftigem Wind ziehen wir auf einen Campingplatz in Murighiol um, Camping Dan Pescarul. Wir sind die einzigen Gäste auf dem kleinen Platz und erst die zweiten Besucher in diesem Jahr. Miha, die Frau des Fischers Dan, den wir bald "Lieutenant Dan" taufen, begrüßt uns herzlich. Am ersten Abend bekommen wir Fisch vom Fang des Tages serviert. Vor uns steht eine Platte mit drei unterschiedlichen Fischsorten: Wels, eine Art kleiner Karpfen und Zander. Alle drei schmecken hervorragend, wir sind versucht zu sagen, dass es der beste Fisch ist, den wir je gegessen haben. Dazu gibt es mamaliga (Maisbrei), sauer eingelegtes Gemüse und eine heftige Knoblausoße.

Tagsüber haben wir einige ehemalige Befestigungsanlagen zum Schwarzen Meer hin besucht, angefangen mit der Cetatea Halmyris, kurz vor Murighiol von Dunavatu de Sus kommend. Vom starken Regen und heftigen Wind der letzten Tage sind einige Erdwände der neuesten Ausgrabungen eingestürtzt. Das zeigt uns der ältere Herr, der zusammen mit seinem drei Jahre alten Schäferhund Thor vor einem kleinen Häuschen in der Nähe der Ruinen steht, als wir ankommen. Gleich nach der Begrüßung bekommt Thor seine erste Streicheleinheit und etwas zu fressen. Sehr ausführlich erzählt uns der Mann etwas zur Geschichte von Halmyris und über den aktuellen Stand der Ausgrabungen. Etwa einmal die Woche kommen rumänische Archäologiestudenten und arbeiten daran weiter. Zuletzt wurde eine frühchristliche Basilika mit erhaltenen Fresken aus dem siebenten nachchristlichen Jahrhundert freigelegt. In der Krypta fanden sich die Gebeine zweier Männer, vermutlich Märtyrer aus der frühen Zeit des Christentums. Auf ursprünglich geto-dakischem Boden, später griechisch besiedelt und schließlich römisch, sollte die Festung ein Bollwerk gegen Feinde vor allem von Meeresseite sein. Dieses war zu Zeiten der römischen Besiedlung nur etwa zwei Kilometer von hier entfernt, heute sind es vierzig Kilometer. Nachdem wir durch die Ausgrabungen gestiefelt sind, bittet der ältere Herr uns in das kleinen Museum und zeigt uns ein paar der Gegenstände, die in der Umgebung der Festung gefunden wurden: Bruchstücke von Amphoren, Münzen, Schmuck. Zuvor bekommt Thor Verwöhnpaket Nummer zwei. Wir kaufen ein dünnes Informationsheft über die Festung Enisala, die wir als nächstes besuchen wollen, und wollen den Eintritt bezahlen. Da wir aber nur einen Hundert-Lei-Schein haben und der Mann nicht rausgeben kann, schlagen wir vor, schnell nach Murighiol zu fahren und dort zu wechseln. Wir sagen ihm, dass wir bei Dan, dem Fischer, campen. "Das ist kein Problem", sagt er. "Ihr könnt auch morgen wiederkommen; und wenn nicht, dann komme ich nach Deutschland und suche euch!" fügt er mit einem Lachen hinzu. Das Heft und die beiden Eintrittskarten gibt er uns gleich mit auf den Weg. In Deutschland ist ein solcher Vertrauensvorschuß Fremden gegenüber nur selten vorstellbar. Als wir zwanzig Minuten später wieder vor seiner Hütte halten, lacht er und sagt, dass wir doch kein Benzin hätten verschwenden müssen, er wäre zu Dan, dem Fischer, gekommen und hätte sich das Geld geholt.

Wir fahren durch Sarichioi, der Ortsname steht auch auf kyrillisch auf dem Schild geschrieben. Es ist eine der Siedlungen im Donaudelta, in der die Mehrheit der Bevölkerung zu den Lippowenern zählt, altgläubige Russen, die sich, im 17. Jahrhundert aus ihrem Heimatland vertrieben, hier niederließen. Überhaupt beherbergt das Donaudelta eine bunte Völkermischung, Ukrainer, Bulgaren, Russen, Türken.

Unsere nächste Station ist die mittelalterliche Festung Enisala, die zu römischer Zeit Heraclea hieß. Auf einer felsigen Anhöhe thront sie weit über dem Razim-See, vor vielen hundert Jahren noch eine Bucht des Schwarzen Meeres. Ein wenig fühlen wir uns nach Irland versetzt angesichts des satten grünen Grases, der dunklen Wolken und der alten Steinmauern. Händler der reichen Stadt Genua ließen die Burg im 13. Jahrhundert errichten, um ihre Seehandelswege zu verteidigen.

Unterwegs Richtung Histria halten wir noch in Babadag (türk.: Berg des Vaters), hier steht eine kleine Moschee. Die Ali-Gazi-Pasa Moschee ist das älteste muslimische Gotteshaus auf rumänischem Boden. Der Ort an sich wirkt seltsam auf uns, wir können nicht genau sagen, warum, aber wir fühlen uns unwohl. Kaum halten wir, sehen wir schon von weitem, wie eine Frau, die leicht als Roma auszumachen ist, ihr Kind in unsere Richtung schickt. Nur Augenblicke später steht es vor uns, reibt sich den Bauch und hält die Hand auf. Dieses offensichtliche, aggressive Betteln durch Vorschicken des Nachwuchses, dem man manchmal begegnet, macht uns wütend. Es gibt hier viele Menschen, die wenig zum Leben haben und die hart kämpfen und arbeiten müssen um durchzukommen. Aber meistens sind es genau diese Menschen, die einem am freundlichsten begegnen, und die am Ende oft sogar noch das wenige teilen. Diesen Menschen hilft man gerne, und es ist fast beschämend, dass sie so zuvorkommend sind. Und keiner von ihnen würde auf die Idee kommen, um etwas zu betteln. Auch die Roma-Familie, mit der wir vor Bran ins Gespräch kamen und bei der wir eine ganze Weile waren, hatte um nichts gebettelt. Die Kinder kamen aus der kleinen Hütte, waren interessiert und zeigten uns stolz ihren kleinen Hund. Aber vor allem in größeren Orten wird man von Zeit zu Zeit mit dieser plumpen Masche konfrontiert.

"Lieutenant Dan" ist bereits um fünf Uhr in der Frühe zum Fischen aufgebrochen. Wir stoßen nach einer sehr windigen Nacht, in der das Dachzelt einiges aushalten musste, um zehn Uhr zu ihm. Es ist kalt und dicke, dunkle Wolken hängen am Himmel. Auf den großen Armen der Donau weht eisiger Wind uns kalte Gischt ins Gesicht und wir packen uns warm ein. Vor allem auf den Seen, die wir durchqueren, schaukelt das Wasser sich zu recht hohen Wellen auf, so dass von Zeit zu Zeit ein ordentlicher Schwall ins Boot schwappt. Wir überqueren den Uzlina-See, auf dem Isac-See schippern wir nur ein Stück in Ufernähe. Krauskopfpelikane ziehen in kleinen Gruppen über uns hinweg, immer wieder sehen wir Kormorane, Nacht-, Grau- und Seidenreiher. Eine Wildkatze huscht auf einen der kahlen Bäume am Ufer. Das Delta beginnt aber bereits wieder grün zu werden, überall spriessen Pflanzen, Bäume schlagen aus, selbst unter Wasser sieht man die vielen Seerosentriebe. Unser Ziel ist das Dorf Caraorman (türk.: schwarzer Wald). Hier hat die Donau neues Land aus Sand geschaffen. Inmitten des Deltas wurde auf diesen Sand eine kleine Siedlung gebaut, und man findet hier einen Urwald, in dem sogar Wölfe leben. Genau dort wollen wir hin.

In der kleinen Bucht von Caraorman herrscht heftiger Wellengang, der erste Versuch, unser kleines Motorboot anzulanden, scheitert. Kurze Zeit später ist aber ein ruhiger Platz gefunden, und wir machen uns auf in Richtung Dorf. Gleich oberhalb der Bucht ragen Rohbauten wie traurige Skelette in den Himmel; zu Ceausescus Zeiten war hier der Bau einer Fabrik geplant, um den Sand zu verwerten. Die Revolution hat die Baumaßnahmen einschlafen lassen, und so vergammeln die sozialistischen Pläne nun und bieten nur noch ein paar Eseln einen Unterstand. Die Einwohner weisen uns den Weg, und wir trotten hinter "Lieutenant Dan" durch das schöne Dorf, dessen Straßen allenthalben unter Wasser stehen. Schließlich nur noch Wasser, wohin wir schauen, wir fragen nochmals eine ältere Frau, die keine guten Nachrichten für uns hat. Der Weg zum Wald sei überflutet, erst vor zwei Tagen wären Männer mit einem Traktor dort gewesen, zu Fuß ist kein Durchkommen. Sie erzählt uns auch noch, dass dies die kältesten Ostern seien, die sie in ihrem Leben erlebt hätte, und verschwindet schnell im nächsten Häuschen, das wie so viele hier leuchtend blau und weiß gestrichen ist. Ein wenig geknickt machen wir uns auf den Rückweg zum Boot, wir sind für den Caraorman-Wald einfach zu früh dran.

Nach unserer Rückkehr in Murighiol am Nachmittag erzählt uns Miha, Dans Frau, dass sie sich etwas Sorgen gemacht hätte, als sie gehört hatte, wo wir entlangfahren wollen. Im Jahr 2006 ist Mitte März auf dem Lacul Isac ein Boot mit vier Personen bei starkem Wind gekentert. Alle vier Insassen, die auf dem Weg nach Hause von einer Beerdigung in Caraorman waren, ertranken oder erfroren im See. Einen Mann fand man erst einen Monat nach dem Unglück, die Leiche einer Frau ist bis heute verschwunden. Nach einer wunderbaren, warmen Gemüsesuppe nach russischen Rezept, der Fastensuppe (es ist orthodoxer "Karfreitag"), reden wir noch lange mit Miha. Sie berichtet uns viel von der Lage der Menschen im Donaudelta und dem Leben als Fischer. "Lieutenant Dan" ist bereits als Junge mit seinem Vater, der sein Leben lang dem Fischfang nachgegangen ist, auf dem Boot mitgefahren. Am nächsten Tag fällt es uns schwer, uns von Miha und ihrer netten Familie zu verabschieden, aber wir wollen das orthodoxe Osterfest unbedingt in einem der über 300 Moldauklöster verbringen.

Öffnet man morgens im Dachzelt die Augen und ist von Geräuschen wie dem Flügelschlag von Schwänen, die über einem vorüberziehen, dem Bellen von Hunden nah und fern, dem Wiehern eines Pferdes oder dem Klappern der Störche umgeben, dann reißt einen erst das Geräusch eines Fahrzeuges aus der Vorstellung, man wäre weit weg von allem Menschlichen.

Die drei Katzen vom Campingplatz sind sehr verschmust und äußerst neugierig. Bei jedem Schritt müssen wir darauf aufpassen, sie nicht aus Versehen zu treten, da sie ständig zwischen unseren Beinen hin- und herlaufen und uns auf Schritt und Tritt folgen. Ob wir nun unsere weitere Reiseroute planen...

... oder den Kamerarucksack für den nächsten Tag packen...

... sie sind immer dabei! Großes Interesse haben sie auch am Landy gefunden, bietet er doch viele Möglichkeiten zum Klettern und ist voller aufregender Gerüche; vor allem unsere Essenskiste hat es den Vierbeinern angetan, und in einem unbeobachteten Moment beißt einer ein großes Stück aus unserer rumänischen Salami ab.

Eines Abends wartet Jürgen geduldig mit Kamera und Stativ im Anschlag darauf, dass ein Storch von der Futtersuche zu seinem Nest auf einem der benachbarten Dächer zurückkehrt. Auf einmal spürt er kleine Krallen an einem seiner Beine - eine der Katzen will wieder spielen. Als er wieder aufschaut sitzt der Storch bereits gemütlich in seinem Nest! Aber beim erneuten Aufbruch des Vogels gelingt dann doch noch ein Photo.

Wir fahren wieder an Tulcea vorbei und nehmen diesmal die Donaufähre bei Galati. Diese ist um einiges größer als die bei Smârdan und so verhält es sich auch mit der Wartezeit. Fast eine Stunde stehen wir in der grellen Mittagssonne auf dem staubigen kleinen Fährhafen Schlange. Zuerst werden die LKW platziert, einer muss aufgrund seiner Länge quergestellt werden. Der Dicke reiht sich neben einem der Brummis ein, und schon nach wenigen Minuten ruhiger Überfahrt haben wir wieder festen Boden unter den Rädern und fahren Richtung Suceava.

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