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Straßenhunde

Auf einmal steht er vor uns: ein kleiner, beigefarbener Welpe. Wir steigen gerade einen Hügel hinauf zu einer Burgruine. Er ist völlig abgemagert und legt sich gleich in den Schatten, den unsere Körper auf den Boden werfen. Da er einen sehr schwachen Eindruck macht und wir nichts zu Essen dabei haben, nehmen wir ihn auf dem Arm mit zur Ruine. Oben finden wir eine kleine Hütte, neben der ein Schuttcontainer steht. Unter diesem kommen nochmals drei Welpen hervorgekrochen, sobald wir stehenbleiben. Diese scheinen aber besser genährt und springen fröhlich an uns hoch; offenbar gehören sie zur Hütte und deren Besitzer, möglicherweise ein Schäfer. Den kleinen, beigen Welpen nehmen wir zum Auto mit und geben ihm etwas zu fressen und zu trinken. Aber dann müssen wir ihn zurücklassen.

Wenn man durch Rumänien fährt wird man automatisch mit der Problematik und Tragik der frei herumlaufenden Hunde konfrontiert. Vor allem an dicht befahrenen Straßen liegen ihre verendeten Körper teilweise am Rand wie bei uns überfahrene Igel. An einem Tag hören wir bei fünfzig überfahrenen Hunden auf zu zählen. Jedes Mal, wenn wir eines dieser süßen und verängstigt dreinschauenden Kerlchen am Straßenrand stehen sehen, haben wir ein ungutes Gefühl, denn jeder Versuch, eine der Schnellstraßen zu überqueren könnte für sie tragisch enden. Die vorbeidonnernden Lastwagen, die für nichts und niemanden bremsen und nur so schnell wie möglich von A nach B kommen wollen, überfordern die Tiere. Völlig verstört schrecken sie teilweise zurück und beobachten den Verkehr, den sie nicht begreifen können.

Seit unserer ersten Reise nach Rumänien im Jahr 2005 haben wir stets einige Kilo Hundefutter und Leckerlis dabei und halten bei jeder sich bietenden Gelegenheit und füttern die Hunde. Manchmal kommen sie gleich schwanzwedelnd angerannt, sobald man hält oder sie das Rascheln der Tüte hören oder das Futter riechen. Manchmal sind sie aber auch so ängstlich, daß man anhand ihres Verhaltens die schlechten Erfahrungen, die sie mit Menschen gemacht haben müssen, erahnen kann. Man spürt teilweise förmlich ihren inneren Kampf, hin- und hergerissen zwischen Angst und Hunger und Neugierde. Mit etwas Zeit und gutem Zureden kann man bei manchen von ihnen dann doch noch das Vertrauen gewinnen und sie nähern sich vorsichtig.

Wir reden uns gerne ein, daß es mehr bringt als die Beruhigung des eigenen Gewissens, aber im Endeffekt kann man nicht mehr tun als den armen, verwahrlosten Tieren ein paar Minuten Streicheleinheiten, etwas zu Fressen und frisches Wasser zu trinken zu geben. Dann steigt man wieder ins Auto, wirft einen letzten Blick zurück und oft zerreißt es uns fast das Herz, wenn wir in die traurigen Augen des Hundes schauen, der ungläubig zuschaut, wie man wieder davonfährt. Insgeheim hoffen wir, daß der Hund noch so mit Fressen beschäftigt ist, daß er es nicht mitbekommt, wenn wir wieder fahren.

Die wenigsten der Straßenhunde, denen man begegnet, sind unversehrt. Oft haben sie Knochenbrüche erlitten und diese sind wieder schlecht zusammengewachsen, so daß sie humpeln, oder es fehlt ihnen ein komplettes Bein. Teilweise ist ihnen ein Auge abhanden gekommen oder ihre Mäuler sind schief, so daß ihnen das Fressen schwerfällt, oder ihr Fell hängt in großen verfilzten Stücken von ihren ausgemergelten Körpern. Aber jedes Mal schaut man in ein liebenswertes Gesicht eines hübschen Hundes und man begreift erst einmal, wie absurd gut es den meisten Hunden bei uns in Deutschland geht.

Einmal treffen wir ganz in der Nähe des Schlosses Bran eine zauselige Hündin auf einem bewaldeten Hügel. Sie ist sehr zutraulich und bleibt eine ganze Weile bei uns. Als wir den Hügel hinuntersteigen, kommt sie mit und wartet auch immer wieder auf uns, wenn wir nicht schnell genug vorwärtskommen. Natürlich bekommt sie kurze Zeit später eine ordentliche Portion Hundefutter.

Aber auch wenn man kurz anhält und dem ein oder anderen für diesen Tag einen vollen Bauch beschert, so kann man ihnen ihr Leid und ihre ungewisse Zukunft nicht nehmen. Man kann nur versuchen, dazu beizutragen, daß sich etwas an der Situation insgesamt und grundlegend ändert. Man kann auf die Umstände aufmerksam machen und die Menschen soweit möglich sensibilisieren, anders mit den Tieren umzugehen. Man kann Geld sammeln oder zur Verfügung stellen, um Straßenhunde kastrieren zu können. Aber hier tritt ein weiteres Problem zutage: Die wenigsten Hundebesitzer in Rumänien sind bereit, ihre Tiere kastrieren zu lassen. Ein kastrierter Hund ist in den Augen vieler nicht mehr komplett, er verliert seinen Jagdtrieb, eignet sich nicht mehr als Wachhund und und und. Argumente scheint es genug zu geben, um nicht einmal einen der kostenlosen Termine, die mittlerweile vielerorts angeboten werden, um sein Tier sterilisieren oder kastrieren zu lassen, wahrzunehmen. Manche Gemeinden haben auch kein Interesse, grundlegend etwas an dem Problem zu ändern, da sie für jeden eingefangenen Hund eine Prämie bekommen. So werden Hundefänger losgeschickt, die freilaufende Hunde ohne Halsband einfangen und in die örtlichen Tierheime bringen. Jeder Fänger kassiert für seine Fangquote und die Zwinger in den Tierheimen sind heillos überfüllt. Die Zustände sind unvorstellbar, die Tiere stehen unter Dauerstreß und nicht selten zerfleischen sie sich gegenseitig.

Man hört ab und zu Geschichten, daß von den Straßenhunden Gefahr ausgeht, oder man liest wieder von einem Fall, daß Straßenhunde einen Menschen getötet haben sollen. Das hat meistens zur Folge, daß die Arbeit der Organisationen, die versuchen, etwas an den Problemen zu ändern, zurückgeworfen wird. In den zehn Jahren, die wir nun nach Rumänien fahren, und nach den unzähligen Hunden, denen wir begegnet sind und mit denen wir Kontakt hatten, können wir das in keiner Weise nachvollziehen oder bestätigen. Die Hunde sind entweder so scheu und verängstigt, daß sie sich einem nicht oder nur sehr vorsichtig nähern, oder sie sind verspielt und zutraulich und stürzen sich gierig auf das Fressen und sind auf der Suche nach Zuneigung. Ab und an wird man auch mal angebellt, wobei auch das meist aus Gründen der Unsicherheit geschieht. Wenn man außerhalb der Städte auf dem Land oder in den Bergen unterwegs ist, sollte man die Straßenhunde aber nicht mit den Hütehunden verwechseln. Diese verteidigen meist sehr energisch ihre Reviere, Herden und Höfe und man sollte seine Körpersprache und sein Verhalten genau dosieren, wenn sie einen als Eindringling ausgemacht haben. Vor einigen Jahren hatten wir im Bucegi-Gebirge das Auto geparkt und ich bin auf einen kleinen Hügel gestiegen, um ein Foto von dort aus zu schießen. Einige hundert Meter entfernt lag ein kleines Hüttchen mit angrenzender Koppel. Ich hörte nach kurzer Zeit Hundegebell, das jedoch so weit entfernt war, daß ich es nicht auf mich bezog. Ich machte weiter meine Fotos. Das Gebell wurde lauter und ich erkannte nun schon zwei Hunde in der Nähe der Hütte, die sich auf mich zu bewegten. Innerhalb kürzester Zeit waren es acht bis zehn Hunde, die einen Halbkreis um mich gebildet hatten. Spätestens jetzt konnte ich nicht mehr leugnen, daß das Bellen mir galt. Es war faszinierend zu beobachten, wie koordiniert die Hunde zusammenarbeiteten und mich umzingelten während ich den Rückzug Richtung Auto antrat. Langsam aber ohne Zeit zu verlieren ging ich den Hügel hinunter, während ich versuchte, keine ruckartigen Bewegungen zu machen und den Hunden mit ruhiger aber bestimmter Stimme zuzureden.

Man muß aufpassen, dass man nicht allzu schnell über die meisten Menschen hier in Rumänien urteilt und aus unserer Sicht heraus ihr Verhalten und ihren Umgang mit Tieren verteufelt und anprangert. Wir kommen aus einem Land, in dem für nahezu jeden eine Grundversorgung gegeben ist. Es gibt Arbeitslosengeld, Sozialhilfe und dergleichen. In Rumänien ist das anders. Wenn man mit Einheimischen ins Gespräch kommt und hört, wie gering beispielsweise die Renten ausfallen, daß es keine Sozialhilfe gibt und daß die Löhne seit dem Beitritt zu EU kaum gestiegen sind, gleichzeitig sich aber die Lebensmittelpreise an die angleichen, die in den restlichen Ländern Europas vorherrschen, so ist es nicht verwunderlich, daß es viele Menschen gibt, die selbst alle Hände voll damit zu tun haben, ihr eigenes Überleben zu gewährleisten. Ich denke, daß wirklicher Tierschutz erst eine Chance hat, wenn die Grundversorgung der Menschen sichergestellt ist und sie sich um die Probleme anderer kümmern können. Insgesamt ist das Verhältnis hier zu den Tieren noch anders als bei uns. Tiere sind vielerorts Arbeitstiere, ein Hund dient vor allem dazu, Haus, Hof und Herde zu beschützen. Er schläft draußen, vielleicht in einer Hundehütte, und er bekommt das zu fressen, was bei den Menschen übrigbleibt. So geht es auch Verdi, den wir im Hof der Pension Puiu in Dunavatu de Jos im Donaudelta treffen - und der sich sehr über ein paar Leckerlis und Streicheleinheiten freut.

Bei uns ist das völlig anders. Auf der einen Seite kuschelt man mit seinem Hund auf der Couch und zieht ihm im Winter ein Mäntelchen an, auf der anderen Seite hat man kein Problem damit, im Supermarkt Fleisch zu kaufen - wohl wissend, daß es aus Massentierhaltung stammt und daß die Zustände dort häufig nicht besser sind als die in einem rumänischen Tierheim. Aber das ist alles weit weg, mit dem Töten des Tieres hat man keinen Kontakt und das eingeschweißte Fleisch in der Kühltruhe kann einen nicht mehr mit seinen traurigen Augen anschauen und von seinem Leid berichten.

Manchmal fragen wir uns, ob der kleine, beigefarbene Welpe es geschafft hat. Ob er Glück hatte, ob er ein kleines Rudel und genügend Futter und Wasser gefunden hat. Wir hoffen dann von ganzem Herzen, dass er irgendwo fröhlich in der Weite der rumänischen Berge herumspringt.

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