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Sibiu

In Hermannstadt, wie der deutsche Name von Sibiu lautet, hat sich im letzten Jahrzehnt eine Menge getan. Als wir vor 10 Jahren hier waren glich Sibiu in der Innenstadt einer einzigen riesigen Baustelle, die großen Plätze waren fast vollständig gesperrt. Heute führt eine prächtige Einkaufstraße direkt auf den Hauptplatz, die prunkvollen Gebäude sind frisch renoviert und das Zentrum gleicht ein wenig einem kleinen Wien. Auch die Menschen, die die Sonnenstrahlen auf einer der zahlreichen Bänke genießen oder ihre Gesichter vor einem der Cafés ins warme Licht strecken, erinnern in der Mehrzahl an die schickere Klientel, die man auch in der österreichischen Hauptstadt antreffen kann.

Wirft man aber einen Blick in einige Seitenstraßen so tauschen sich die renovierten Prunkfassaden gegen vom Einsturz gefährdete alte Häuser.

Einige kleinere Pensionen rund um die Oberstadt sind ausgebucht, ebenso das Hostel am "Kleinen Platz". In einer Seitenstraße ergattern wir das letzte Doppelzimmer in einem weiteren kleinen Hostel. Die alte Dame, die die Übernachtungsmöglichkeit verwaltet stellt sich als Gertrude Sirbu vor und kommt ursprünglich aus Österreich. Sie hat einen Rumänen geheiratet und lebt seitdem hier. Als ihr Mann vor einigen Jahren starb mußte sie ihr gemeinsames Haus räumen und lebt seitdem in einem sehr kleinen Haus, das eher einer Hütte gleicht, im hinteren Teil des Innenhofs, in dem die Herberge liegt. Das Zimmer kostet 130 Lei pro Nacht, unsere bisher teuerste Übernachtung in diesem Jahr, dafür erscheinen die Wände so dick wie Papier, so daß man selbst das Flüstern im Nachbarzimmer deutlich hören kann. Wie gut, daß da noch die Türen quietschen und der Boden knarzt. Es tut mir jetzt schon leid, daß wir heute Nacht mit Sicherheit unsere Nachbarn im Nebenraum wecken werden, da wir erst spät zurück ins Zimmer kommen werden. Negura Bunget, eine rumänische Metalband, spielt heute im Hard Rock Caffé und da hat Ruth eine Akkreditierung zum Fotografieren bekommen.

Bis dahin bleibt noch reichlich Zeit und so packen wir unsere Fotosachen auf den Rücken und gehen auf Motivsuche zwischen den alten Gebäuden. Bis zu seiner Wahl als Rumäniens Staatspräsident 2014 war der Siebenbürgener Klaus Johannis Bürgermeister von Sibiu. Während seiner Amtszeit erfuhr die Stadt einen enormen Aufschwung und wurde im Jahre 2007 Kulturhauptstadt Europas. Insgesamt mußte die Korruption in der Gegend den Rückzug antreten und der Ort wurde in vielerlei Hinsicht zu einem Vorbild. Mit der Wahl Johannis zum politischen Oberhaupt knüpfen sich große Erwartungen an seine Person, diese positive Entwicklung nun auf den Rest des Landes auszuweiten.

Gleich neben der evangelischen Kirche befindet sich das Café Wien. Wie passend, denken wir, und setzen uns sogleich hinein und stärken uns ein wenig bevor wir den Aufstieg auf den Kirchenturm in Angriff nehmen. Von hier aus hat man einen schönen Überblick über Sibiu und in der Ferne kann man im Dunst das Fâgâras-Gebirge erahnen.

Auch auf der Lügenbrücke, die den kleinen Platz mit dem Huet-Platz verbindet, macht sich der Brauch breit, kleine Vorhängeschlösser ans Geländer zu hängen. Noch sind es aber nicht so viele, daß man sich Sorgen machen müßte, daß die Brücke in naher Zukunft ein ähnliches Schicksal ereilt wie ihr Pendant in Paris, das unter der Last der unzähligen Schlösser vom akuten Einsturz gefährdet war. Zu ihrem Namen kommt die kleine Brücke gemäß einer Legende, weil sie wohl einstürzen würde, wenn ein Lügner darüberginge. Was also dafür spräche, dass die Hermannstädter Bürger und natürlich auch die Besucher der Stadt allesamt ehrliche Leute sein müssten.

Für eine kleine Verschnaufpause verkriechen wir uns ins Büchercafé Erasmus, wo man bei leckerem Kaffee und landestypischem Gebäck in Reiseführern und Romanen schmökern kann.

Der Abend rückt näher und wir machen uns auf in Richtung Hard Rock Caffé. Das Konzert sollte gegen 19 Uhr beginnen; als wir kurz vor sieben dort eintreffen kommt uns Negru, der Drummer des Headliners Negura Bunget, entgegen und meint, daß es wohl erst gegen 21 Uhr losgehen wird. Gleich als nächstes entschuldigt er sich dafür, daß die Location sehr klein ist. Er hat Recht! Als sich am Abend die ersten Metaller in dem kleinen Gewölbekeller versammeln wird es schnell sehr eng. Es entsteht somit zwar eine familiäre Atmosphäre und man hat den Eindruck, als würden die Musiker mitten im Publikum stehen, aber gleichzeitig wird es dadurch auch nicht leichter, sich zwischen den fliegenden Haaren einen Platz zum Fotografieren zu ergattern. Ein rumänischer Fotograf ist auch da und meint irgendwann: "The light is shit!" Da kann man nicht widersprechen. Da die Musik nicht ganz Jürgens Geschmack trifft und er sowieso etwas müde ist, bahnt er sich nach der zweiten Vorgruppe einen Weg nach draußen und stolpert zurück ins Hostel. Wie erwartet quietscht die Zimmertür, im Nachbarraum fängt ein Kind an zu schreien: Ich bin wieder da, liebe Nachbarn! In Gedanken entschuldige ich mich für die Ruhestörung, gleichzeitig finde ich es aber auch witzig. Die Wände hätte man sich getrost sparen können.

Negura Bunget, die gerade auf einer ausgedehnten Europa-Tournee ihr neues Album "Tau" unter die Leute bringen, spielen an diesem Abend in Hermannstadt mit der rumänischen Formation Grimegod (deren Mitglieder mittlerweile allesamt auch bei Negura Bunget zocken) und den Polen von Northern Plague. In dem wirklich sehr kleinen Club kommt spätestens bei Northern Plague richtig Stimmung auf, und als Negura Bunget dann mit ihrem "transsilvanischen" Black Metal loslegen, merkt man ohne Zweifel, dass sie sehr viele begeisterte Anhänger unter den Anwesenden haben.

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