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Ruska – die Herbstfarben des Nordens

Seit Wochen sehen wir bereits immer wieder vereinzelte Blätter an Birken, die sich von ihrem sommerlichen Grün langsam in ein blasses Gelb verfärben. Die Tage werden kürzer, die Sonne steigt auch zur Mittagszeit nicht mehr hoch über den Horizont auf und die Pflanzenwelt reagiert auf die sich verändernden Umstände. Hier im Norden tut sie es auf besonders eindrückliche Weise.

Je weiter wir Richtung Norden fahren, desto weiter ist die Verfärbung der Bäume bereits fortgeschritten. Als wir den nördlichen Polarkreis hinter Kuusamo überqueren haben die Blätter der meisten Birken ihr saftiges Grün schon abgelegt. Das Wetter ist trüb, Nebel hängt den ganzen Tag über tief zwischen den Bäumen und lässt die Farben sehr bedeckt erscheinen. Doch als wir dann in das westliche „Ohr“ Finnlands fahren und Kurs auf das Dreiländereck in der Nähe von Kilpisjärvi nehmen, erleben wir die volle Pracht der Ruska, wie das farbenfrohe Spektakel der Natur in Finnland genannt wird.

Unser Dachzelt haben wir am Fuße des Saana aufgeschlagen, dem heiligen Berg der Samen. Von hier aus folgen wir einem Wanderpfad, der uns bald aus einem kleinen Wald ins Freie treten lässt und den Blick auf die umliegende Landschaft freigibt. Vor uns breiten sich die sanften Hügel Lapplands aus, im Hintergrund die höheren Berge, die je nachdem zu welcher Seite wir unseren Blick richten, bereits in Schweden oder Norwegen liegen. In einem dunklen Rot überziehen die Büsche der alpinen Bärentraube den Boden, dazwischen immer wieder die immergrünen Moosbeeren. Und über ihnen stehen in einem saftigen Gelb die Birken und hellrot die Ebereschen. Aus dem Farbenmeer erheben sich die kahlen Rücken der Fjells und die Pflanzen umkränzen die schroffen und dunklen Gipfel der Berge, züngeln beinahe an ihnen wie leuchtende Flammen. Besonders eindrucksvoll wird es, wenn sich die Farben im kalten Wasser eines klaren Sees spiegeln.

Es gibt zwei Faktoren, die für diese bunte Reaktion der Pflanzen verantwortlich sind. Zum einen sind es die kürzer werdenden Tage. Üblicherweise ist das Grün des Chlorophylls das vorherrschende Pigment in den Blättern, es sorgt dafür, dass durch Photosynthese die Pflanzen die Energie des Sonnenlichts effektiv nutzen können. Schwindet nun im Herbst die Kraft der Auswirkung der Sonne, so gewinnen andere Pigmente die Oberhand und die Blätter wechseln je nach Pflanzenart in eine andere Farbe, bis sie sich schließlich gänzlich aus dem Stoffwechselkreislauf des Baumes lösen und abfallen. Damit findet die Farbenpracht ihr jähes Ende. Der zweite Faktor ist die Temperatur. Meist beginnt die Ruska mit dem ersten Frost.

Der Herbst hat aber nicht nur Auswirkungen auf die Pflanzen, auch die Tiere reagieren auf die fallenden Temperaturen und die dunklere Jahreszeit. Bären fressen sich ihren Winterspeck an, um den bald beginnenden und rund fünf Monate andauernden Winterschlaf gut zu überstehen. Die halbwilden Rentierherden machen sich langsam auf in Richtung Wintergehege. Von weitem schon kündigen sich die riesigen Gänseschwärme an, die in beeindruckenden V-Formationen ihren langen Weg in Richtung Süden antreten. Der Unglückshäher legt große Futtervorräte an, um für den Winter gewappnet zu sein und nähert sich gerne unvermittelt in kleinen Gruppen, krallt sich an Bäume und beobachtet den Wanderer dabei neugierig.

Aber nicht nur die Pflanzen- und Tierwelt reagiert auf die kältere Jahreszeit, auch den zweibeinigen Bewohnern Finnlands merkt man eine einkehrende Gemütlichkeit an. Die merklich späteren Sonnenaufgänge und die frühe Dunkelheit haben Auswirkungen auf das alltägliche Leben; Museen und Sommercafés haben vielerorts ab Ende September geschlossen. Auch wir verabschieden uns langsam von Lappland, versuchen den regnerischen Tagen im Norden zu entkommen und reisen der im Süden später einkehrenden Ruska hinterher.

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