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Der Bärenmann

Das Leben schreibt oft die besten Drehbücher und manch eine Geschichte scheint direkt einem Film entnommen zu sein. So auch die von Sulo und Juuso.

Wenn sich der Menschenkopf und der ungleich größere Schädel des Bären aneinanderschmiegen, dann ist es schon ein beinahe unwirkliches Bild, das sich uns bietet. Man neigt ja gerne dazu, dem Tier menschliche Gefühle zuzusprechen und meint, in seinem Blick oder Gesichtsausdruck etwas zu erkennen. Aber selbst wenn man all diese vermenschlichenden Anwandlungen und Interpretationen außer Acht lässt, dann spürt man eine tiefe Zuneigung und eine sie sehr lange verbindende Freundschaft zwischen den beiden Lebewesen.

Diese Freundschaft begann vor 21 Jahren, als Juuso hier in der Nähe von Kuusamo das Licht der Welt erblickte. Vom ersten Moment seines Lebens an war Sulo an seiner Seite. Juusos Mutter lebte zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Jahre bei Sulo, er hatte sie zusammen mit ihren zwei Geschwistern als Jungbären verängstigt und alleine auf einem Baum gefunden und sich ihrer angenommen. Sulo lebte früher abgeschieden in den Wäldern der Grenzregion zwischen Finnland und Russland. Irgendwann wandten sich Wissenschaftler an ihn, und er half ihnen mit seiner Erfahrung bei verschiedenen Projekten das Verhalten der Tiere betreffend und behielt die Entwicklung der Populationen im Auge. Sein Wissen sprach sich rasch herum, und so wurde er immer häufiger zu Rate gezogen, wenn wieder einmal ein Bär bei einem Unfall mit einem Auto verletzt wurde oder Jäger einen weiblichen Braunbären erschossen hatten und sie jemanden benötigten, der sich um die Jungen kümmerte. Schnell war das Leben von Sulo nicht mehr einsam in den Wäldern, er teilte Bett, Sofa und Küche mit den Tieren. Eines Tages besuchte ihn eine entfernte Bekannte im Wald, er schickte die Besucherin schon vor in seine Hütte, um Kaffee zu kochen. Kurz darauf kam sie schreiend ins Freie gestürmt: „Auf deiner Couch liegt ein Bär, ein zweiter sitzt auf dem Küchentisch und frisst!“

Was für Sulo Alltag war, blieb für andere sonderbar. Irgendwann trat die Regierung an ihn heran und sagte ihm, dass alle Bären ihr Eigentum seien. Er wurde vor die Wahl gestellt, die Tiere zu töten oder einen Zoo zu gründen. Ersteres kam für ihn nie in Frage, also begann er zusammen mit seinem Bruder große Flächen ihres Landes einzuzäunen, Unterschlupfe für den Winterschlaf der Bären zu bauen und die Tore der Anlage für Besucher zu öffnen, um Geld für die Versorgung der Tiere zu erhalten. Der Großteil wird mit privaten Mitteln finanziert, ab und an erhalten sie Hilfe von Supermärkten in Form von abgelaufenem Fleisch, das nicht mehr an Menschen verkauft werden darf, und Fischereibetriebe aus Norwegen geben ihnen Abfälle von Lachsen, die immer noch sehr viele wertvolle Nährstoffe für die Bären enthalten.

Sulo lebt mittlerweile sehr zurückgezogen, er meidet den Trubel um seine Person weitestgehend. Das Tagesgeschäft hat Pasi, Sulos rechte Hand, übernommen. Pasis Tag beginnt in aller Frühe mit dem Füttern der Tiere und dem Ausmisten der Häuschen. Danach heißt es schnell die matschigen Gummistiefel und schmutzigen Hosen gegen saubere Kleidung eintauschen, denn ab zehn Uhr können die ersten Gäste kommen, die er dann in Gruppen durch die Anlage führt und dabei so manche lustige oder traurige Anekdote rund um die Umstände erzählt, die dazu geführt haben, dass die Tiere heute hier leben.

Zu Beginn durften sich die Gäste noch frei und auf eigene Faust in der Anlage bewegen. Doch nachdem Besucher Steine nach den Bären geworfen, sie mit Stöcken gepiesackt hatten und den Tieren, die dicht an die Zäune kamen, in die Ohren geschrien hatten, wurde das untersagt. Manchmal fällt es schwer, sich nicht für Individuen der eigenen Gattung zu schämen, und es ist leicht, nachzuvollziehen, dass auch Sulo die Gegenwart der Tiere jederzeit der der Menschen vorzuziehen scheint. Umso dankbarer sind wir, dass er sich bereit erklärt, sich Zeit für uns zu nehmen und am Abend, nachdem alle Besucher des Tages gegangen sind und Ruhe eingekehrt ist, gemeinsam mit uns zu seinen Bären zu gehen.

Kaum wittern die Bären den alten Mann, beginnen sie zu brummen und sich in seine Richtung zu bewegen. Jedem einzelnen streckt Sulo seine Hand entgegen, streichelt ihre Schnauzen durch die Maschen des Zauns. Wir folgen ihm zu einem großen Gehege, in dem ein stattlicher weiblicher Braunbär liegt. Unmittelbar darauf tritt ein weiterer, ungemein größerer Bär aus seinem Unterschlupf. Es ist Juuso, der größte lebende Braunbär Europas. Er teilt sich das Gehege mit seiner Mutter Tessu.

Wir treten zu Juuso ins Gehege und Sulo geht geradewegs auf ihn zu. Der Bär, dessen Schulterhöhe beim Stehen auf vier Pfoten dem Menschen beinahe bis zum Kopf reicht, begrüßt den Zweibeiner mit einem schmatzenden Kuss mitten ins Gesicht. Sulo steckt sich ein Stück Lakritz zwischen die Lippen und Juuso nimmt es ihm ganz behutsam und vorsichtig ab. So wie bei dem Austausch der ein oder andere Speichelfaden eine zusätzliche kurzzeitige Verbindung zwischen den beiden herstellt, so verschwindet auch das ein oder andere Stück Lakritz zwischendurch in Sulos Magen. Auch Tessu kommt, um ihren Teil der leckeren Mitbringsel einzufordern. Der von einer schweren Verletzung gezeichnete Mann blüht auf, wenn er inmitten der Bären steht und ein breites Lächeln ziert sein Gesicht, wenn er seine Hände tief in ihrem Fell vergräbt und sie sich wohlig unter seinen Berührungen winden. Bei all dem Schmusen merkt man, dass Sulo genau auf seine Bewegungen und die Reaktion der Bären achtet. Bei all der Zutraulichkeit darf man nicht vergessen, dass der Bär durch Übermut oder Unachtsamkeit dem Menschen schwere Verletzungen zufügen könnte. Juuso wiegt aktuell 483 Kilo, wenn er seinen Winterschlaf in wenigen Wochen antritt wird er die halbe Tonne erreicht haben. Man möchte sich nicht vorstellen, was passieren würde, wenn er während des Spielens auf den Mann rollen würde.

Die beiden haben es in den letzten Jahren zu einer gewissen Berühmtheit in Finnland geschafft. Sulo ist auch in anderen Teilen des Landes als der Bärenmann bekannt und Juuso steht ihm allein durch seine Größe in Sachen Popularität in nichts nach. Manch einer hätte aus dieser Aufmerksamkeit vielleicht ein kleines Vermögen angehäuft, nicht so Sulo. Bescheiden geht es zu, alles was eingenommen wird, kommt den Tieren zugute. Und das kostet Geld, egal ob es der tägliche Bedarf ist, der gedeckt werden muss, oder ob es Anschaffungen oder Renovierungsarbeiten sind, die anstehen, wie z.B. ein neues Schwimmbad für die Bären.

Es ist schwer, das Unterfangen von Sulo und Pasi in eine Kategorie zu stecken. Das Large Carnivore Center (Suurpetokeskus) Kuusamo ist weder Zoo noch Reservat, vielleicht ist es am besten als Auffangstation beschrieben. Am Ende ist es vermutlich eine Mischung aus allem. Ab und zu legen Sulo und Pasi dem Bären ein Stück Leinwand auf einen Tisch und stellen Farbe daneben. Juuso stapft dann mit seinen riesigen Pranken in die Eimer und verteilt seine bunten Tatzenabdrücke munter auf dem Stoff. Mal beschäftigt er sich vier Stunden mit seinem Bild, mal ist er schon nach 30 Sekunden fertig. Die Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen und müssen sich vor manch anderer viel gelobter Kunst nicht verstecken.

Vielleicht basiert diese ungewöhnliche Freundschaft, neben tiefer Zuneigung und Vertrauen, darauf, dass sich der Mensch und der Bär einander angenähert und sich irgendwo in der Mitte getroffen haben. Eine Aussage Sulos fasst es ganz gut zusammen: „Wenn du lange in den Wäldern gelebt hast, wirst du selbst ein Stück weit zu einem wilden Tier.“ Und andersherum ist Juuso durch seinen langen Kontakt zu Menschen innerlich ein zahmer Zweibeiner geworden. Das würde erklären, warum wir oft den Eindruck haben, wenn sich die beiden Freunde wieder einmal tief in die Augen blicken, der Mund des Bären würde sich zu einem Lächeln verziehen.

Wer sich kurzweilige Videos von Sulo und den Bären anschauen möchte, kann viel Zeit auf karhutv.fi verbringen.

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