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Könige des Waldes und Herrscher der Lüfte

Das Abendlicht spiegelt sich golden in dem kleinen Teich direkt vor uns. Seine Ufer sind morastig und aufgewühlt und gehen über in sumpfiges Gelände, umstanden von bereits ein wenig bunt verfärbtem Mischwald. Eine Glasscheibe trennt uns von der Welt da draußen, durch die wir Kaitsus Schritte verfolgen. Er hat sich fleckige Wathosen übergestreift, wie jeden Abend um diese Zeit, und schleppt kiloweise Hundefutter und Lachsreste zum Waldrand. Als er auf dem gegenüberliegenden Teichufer Fischkadaver ins seichte Wasser wirft, taucht plötzlich, in etwa 30 Metern Luftlinie, ein Braunbär zwischen den hohen Bäumen auf. Jürgen springt von seinem Sitz hoch, klopft an die Scheibe, bedeutet Kaitsu, dass er Gesellschaft bekommen hat. „There’s a bear!“ – ein stattliches, wohlgenährtes Männchen. Es schaut träge in unsere Richtung.

Wir sitzen in einer der Beobachtungshütten von Karhukuusamo, irgendwo im finnischen Nirgendwo nur wenige hundert Meter von der russischen Grenze entfernt. Wir haben uns die kleine Hütte geschnappt, um unsere Ruhe zu haben. Die Schiebetür hinten klemmt zwar ordentlich, aber sonst sind wir überrascht, wie gut die Ausstattung ist. Es gibt nicht nur zahlreiche Schrauben für Stativköpfe, sondern auch Aussicht in zwei Richtungen, einen Kugelkopf, schwere Bohnensäckchen zum Ablegen der langen Linsen und dazu sogar gute Ferngläser. Nebenan, in einer um einiges größeren Hütte, kann man auch übernachten. Die meisten seiner Besucher, so erzählt uns Pekka, der Betreiber von Karhukuusamo, seien keine Fotografen, sondern wollten einfach nur die Bären sehen.

Zuerst kommen die Vögel. Sobald der Motorenlärm von Kaitsus Quad verstummt ist und die Wasseroberfläche des Teiches sich wieder in einen Spiegel verwandelt hat, ist die Luft erfüllt vom Krächzen der Nebelkrähen, riesige Kolkraben landen in den Bäumen und das Schwatzen der Lachmöwen gesellt sich dazu. Und dann der erste Seeadler. Ungläubig schauen wir lieber zweimal hin - normalerweise lassen die Vögel sich höchstens kurz blicken, man hat kaum die Kamera auf sie gerichtet, schon sind sie wieder davongeflogen. Aber es ist wirklich ein Adler, der da mit majestätisch ausgebreiteten Schwingen von bis zu zweieinhalb Metern zur Landung ansetzt, sich einen Lachskadaver greift und auf einem dicken Kiefernast landet, um ganz in Ruhe zu fressen. Und dann noch ein Seeadler, und noch einer; insgesamt sind es sechs Exemplare, die wir über mehrere Stunden beobachten können. Sie kämpfen in der Luft um die besten Bissen, beobachten das Treiben unter ihnen von den höchsten Baumwipfeln aus oder fressen seelenruhig im hohen Sumpfgras. Es ist nur wenige Jahrzehnte her, da hatte der Mensch, unter anderem mit dem Insektizid DDT, den Seeadler in Europa fast vollständig ausgerottet. Bis heute haben die Tiere zu kämpfen, dank Bleischrot in Jagdkadavern, Oberleitungen und Windrädern; aber durch den strengen Schutz konnte sich die Population in vielen Teilen unseres Kontinents sehr gut erholen.

Über zehn Jahre ist es her, dass Pekka mit einem Freund zusammen den Entschluss fasste, hier im Osten Finnlands einen Ort zur Bärenbeobachtung zu schaffen. Etwa 600 ha umfasst der Bereich, in dem sie die Jagd verbieten lassen konnten, so dass Tiere hier ein sicheres Terrain vorfinden. Überhaupt darf in Finnland per Gesetz niemand jagen, indem er die Tiere mit ausgelegtem Futter anlockt; dennoch, berichtet Pekka, hielten sich manche Jäger nicht so ganz daran und jagten in der Nähe des geschützten Bereichs. Viele der Bären, die man hier mit etwas Glück zu Gesicht bekommen kann, pendeln zwischen den finnischen Wäldern und dem Nationalpark Paanajärvi in Russisch-Karelien hin und her. Auch dort ist auf einer Fläche von über 1000 Quadratkilometern das Jagen streng verboten. Viele der Bären kämen jedes Jahr, so Pekka, und er habe sie liebgewonnen, betrachte sie als Freunde.

Etwas abgelenkt durch die Seeadler bemerken wir ihn nicht sofort. Ein weiterer Braunbär von stattlicher Größe, offenbar ein etwas älteres Männchen, tritt zwischen den Bäumen ins Freie. Sofort wittert seine feine Nase das ausgelegte Hundefutter und er beginnt zu fressen, wühlt im Matsch und Gras nach immer neuen Happen. Kurz darauf erscheinen zwei weitere große Männchen an der gleichen Stelle. Beide sind schwer gezeichnet. Der Rücken des einen Exemplars weist eine große, noch leicht blutende Wunde auf, auch der andere hat ordentlich was abbekommen. Auch an diesem Abend sind sie einander nicht wohlgesonnen; es kommt zu einem kurzen Kampf und das tiefe Brummen und Schnauben der Männchen hallt bedrohlich über die ansonsten so friedliche Waldszenerie. Dann taucht auf einmal ein Weibchen mit vier Jungen auf. Wir können unser Glück kaum fassen, ist eine so hohe Zahl an Jungtieren bei einer Mutter doch äußerst selten. Die vier vermutlich schon etwas über zwei Jahre alten Jungbären erkunden neugierig die Gegend, verleiben sich dabei aber auch den ein oder anderen Lachskadaver ein. Ihre Mutter kommt nur sporadisch zum Fressen und lässt die drei großen Männchen am Waldrand nicht aus den Augen. Immer wieder kommt es vor, dass junge, vor allem männliche Bären von älteren Männchen getötet werden; dies ist sogar die häufigste Todesursache für Bären unter fünf Jahren in freier Wildbahn. Einer der Kleinen ist besonders vorwitzig. Kaitsu erzählt uns später, er hätte eine ganze Weile hinter unserem Unterstand herumgeschnüffelt, dessen schwer bewegliche Schiebetür wir zum Glück fest verschlossen hatten. So nett die Vorstellung des kleinen Bären in unserer Hütte auch sein mag – nicht auszudenken, was seine Mutter angestellt hätte, um ihr Junges wieder in Sicherheit zu bringen.

Zeitweise sind elf Bären gleichzeitig an dem kleinen Teich versammelt, umringt von einer Hundertschaft von schnatternden Vögeln. Der Blick aus unserem Unterstand heraus ist fast schon unwirklich, manchmal wissen wir gar nicht, wo wir als nächstes mit unseren Kameras hinzielen sollen. Aber der anfängliche Stress legt sich schnell, denn die Tiere haben es scheinbar nicht eilig, ihren Platz am Wasser zu verlassen, und so können wir sie über mehrere Stunden in aller Ruhe fotografieren und beobachten. Als die Sonne golden Richtung Horizont sinkt schauen wir uns ungläubig an und können es kaum fassen, was für ein besonderes Geschenk die Natur (und Karhukuusamo) uns da gemacht hat.

In der Dämmerung sitzen wir an einem märchenhaft klaren und ruhigen See nur wenige Kilometer von unserem Unterstand entfernt. Bei Einbruch der Nacht irrlichtern grüne Bänder über den schwarzen Himmel – unsere ersten Nordlichter! Wir verbringen die Nacht in einer Aurora-Hütte, nahezu komplett verglast und hochmodern, die auf dem See schwimmt und einen atemberaubenden Blick auf den Nachthimmel bietet. Während ich langsam durch die leichte Wasserbewegung in den Schlaf dämmere frage ich mich, ob wir das alles heute wirklich erlebt haben oder ob es nur ein Traum war.

Kaitsu hat den Tag übrigens auch gut überstanden. Seelenruhig verteilte er den Rest des Futters, schaute hie und da in Richtung des Bären - ganz so, als würde er ihn kennen und genau wissen, dass das Tier das reichhaltige Futter direkt vor seiner Nase jederzeit einem Kerl in schmutzigen Wathosen vorziehen würde.

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