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Kleiner Streifzug durch Ilomantsi

Es ist angenehm kühl in der hohen Halle und ein süß-würziger Duft liegt in der Luft. Fein säuberlich sind sie aufgestapelt, bis weit unter die Decke - eine viele Meter hohe Wand aus Whiskeyfässern. Asko Ryynänen ist ganz in seinem Element, er kommt aus dem Erklären gar nicht mehr heraus. Eero, unser inzwischen guter Bekannter vom Bärenschnitzfestival, hat ihn uns vorgestellt. Asko ist „master destiller“ bei Nordic Premium Beverages, einer kleinen, aber feinen Alkoholmanufaktur in Ilomantsi. Er ist also Herr über alles Hochprozentige und auch die Beerenweine, die in Finnlands ältester Winzerei mit viel Liebe zum Detail und auch in immer wieder neuen Kreationen hergestellt werden. Seit einigen Monaten zählt, dank Corona und einem Produktionsüberschuss an Alkohol, auch Desinfektionsmittel zur Produktpalette.

Die früher als Hermannin Viintila bekannte Winzerei stellt seit 1989 Weine her, darunter auch Beerenweine aus Schwarzer Johannisbeere, Moltebeere oder Krähenbeere. Seit vielen Jahren besteht auch eine Zusammenarbeit mit dem Kloster Uusi Valamo, dessen Messwein in einem Teil der Eichenfässer in der hohen Halle reift. Eine Ikone, die aus dem Kloster stammt und zwischen den Fässern platziert wurde, sorgt dafür, dass auch alles mit rechten Dingen zugeht bei der Messweinherstellung. Allerdings benötigt das Kloster mangels Gläubigenzulauf immer weniger Messwein, also entstand die Idee, in den überschüssigen Fässern einen Whiskey zu produzieren, mit einem besonderen Aroma aufgrund des vorher darin gereiften Weines. Dieser Whiskey schlummert nun im Eichenholz, bis er nach einigen Jahren genossen werden kann.

Asko zeigt uns die kupferglänzende Destille des kleinen Betriebes, in der diverse Beerenliköre gemacht werden - und auch das Spitzenprodukt von Northern Premium Beverages, der mehrfach preisgekrönte Arctic Blue Gin. Aber keines der hochprozentigen Getränke kann man im kleinen Laden der Winzerei/Destillerie kaufen. Frei verkäuflich an alle über 18 Jahre sind in Finnland nur alkoholische Getränke bis zu 5,5 %; auf alles Hochprozentigere besteht ein Staatsmonopol, und man kann derlei Produkte erst ab einem Alter von 20 Jahren in den Alko-Läden erstehen.

Nach so viel Informationen sind wir alle ein wenig hungrig, und Eero nimmt uns mit ins traditionell karelische Restaurant „Parppeinpirtti“. Es gibt Piroggen und Watruschkas, bei deren Herstellung man hier sogar zuschauen kann, dazu Eibutter und starken schwarzen Kaffee. Das Restaurant gehört zum karelischen Museumsdorf Parppeinvaara, dessen teils original erhaltene Holzhäuschen nur wenige Meter entfernt zu besichtigen sind. In einem davon hauste der finnische Grenzgeneral Erkki Raappanen mit seinem zahmen Bärenjungen Mesikkä während des zweiten Weltkriegs, in einem anderen war die Runensängerin Mateli zuhause. Benannt wurde die in den 1960er Jahren eröffnete Anlage nach Jaakko Parppei, einem berühmten, hier beheimateten Kantele-Spieler des 19. Jahrhunderts. Runengesang und Kantele, beide im finnischen Nationalepos Kalevala für die Ewigkeit aufgehoben, sind aber auch heute noch lebendig. Die flinken Finger der Dame in karelischem Gewand im Runensängerhaus zupfen kunstfertig die wahlweise 5 oder bis zu 46 Saiten der hölzernen Kantele. Väinämöinen, eine der mythischen Hauptfiguren der Kalevala, soll die erste Kantele aus dem Kiefer eines Hechts gefertigt haben. Bis heute wird sie in Finnland gespielt und oft auch als Anfangsinstrument im Musikunterricht eingesetzt. Dazu hören wir alte Weisen, Runen eben, die von den Jahreszeiten erzählen oder einem Bären, dessen Schritte mit dem Saiteninstrument nachgeahmt werden.

Später schaukeln wir auf dem allgegenwärtigen Wasser. Eero fährt mit uns zur russischen Grenze, von der außer ein paar auf den Wellen sanft schwankenden „Grenzzone“-Bojen, auf denen Möwen es sich gemütlich machen, nichts zu sehen ist. Nur mit dem Fernglas erkennt man die bunten Pfosten, die die eigentliche Grenze markieren. Dahinter ist Wasser und Mischwald, genau wie auf finnischer Seite; die Grenze ist nichts als eine gedachte, menschengemachte Linie, die die Landschaft durchschneidet, ohne sie zu verändern. Auf dem Rückweg packt Eero die Angelruten aus und montiert sie am Boot. Die Köder hängen im Wasser, während wir gemütlich weitertuckern. Aber so recht wollen die Fische nicht beißen. Jürgen zieht schließlich einen jungen Hecht aus den Fluten, den wir aber gleich wieder in die Freiheit entlassen.

Eero hängt ein wenig an der Vergangenheit, könnte man sagen. Er versucht, Dinge zu bewahren, die ohne ihn vermutlich schon längst verschwunden wären. Wie das Holzhaus nebst Schuppen und Rauchsauna aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, das auf dem Grundstück neben dem Sommerhaus seiner Eltern zu finden ist. Die Öllampe steht noch wie vor vielen Jahrzehnten auf dem Wandregal, der gusseiserne Ofen ist funktionstüchtig, und im Schuppen sind die Überreste eines ehemaligen Unterstandes aus der Kriegszeit noch deutlich sichtbar. Irgendwann in nächster Zeit soll ein kleines Museum daraus werden. Auch der alte Friedhof nebenan soll so bleiben, wie er jetzt ist; Eero hat die Waldbestände drumherum unter Naturschutz stellen lassen.

Wir dürfen ein paar Tage im Sommerhaus verbringen, auf einem paradiesisch ruhigen und grünen Grundstück mit Gemüsegarten und roten Holzhäuschen. Wir fangen an, von einem eigenen mökki hier in Nordkarelien zu träumen.

Und schließlich kommen wir doch noch in den Genuss von Askos Kreationen. In 33 Metern Höhe über den bunten Holzhäusern von Ilomantsi hat man die Gelegenheit dazu. Ein ehemaliger Wasserturm, umgebaut zu einer Cafébar mit herrlicher Aussicht auf die Umgebung und den nahen See, lohnt nicht nur wegen der Getränkeauswahl einen Besuch. Oder man schaut abends in der Hausbar des Megrin Matkailu vorbei. In den Gebäuden einer ehemaligen Forschungsstation der Universität Joensuu am Ufer des Mekrijärvi ist heute eine kleine Herberge mit hervorragendem täglichen Brunch untergebracht. Es gibt dort eine Bar, deren Fußboden direkt aus den Gängen des Overlook-Hotels zu stammen scheint, in der Asko manchmal hinter der Theke steht und seinen Arctic Blue Gin bereithält. Was sein Lieblingsgetränk sei, will Jürgen von ihm wissen. Da muss er nicht lange überlegen: „I’m a whiskey man.“

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