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Petroglyphen

Es ist ein kleines, eher unscheinbares Tier, ein Reh vielleicht oder eine Elchkuh. Es ist wahrscheinlich weit über 6000 Jahre alt. Deutlich erkennt man seinen Kopf und seine Vorderläufe, die Hinterläufe sind verlängert und enden in einer kleinen Spirale. Der einzigen Spirale weit und breit, was dieses Tier zu etwas Besonderem macht. Nadeschda zeichnet es für uns mit Kreide auf dem flechtenbewachsenen Stein nach. Auch sie, die dieses Tier entdeckt hat, muss immer wieder mit den Fingerspitzen auf der rauhen Oberfläche nach den schwachen Spuren des kleinen Kunstwerks suchen. Mit etwas Phantasie ist es schließlich zu sehen, wenn auch nicht ganz so deutlich wie auf ihrem grünen T-Shirt. Hier, auf einem weitläufigen Felsplateau in den Wäldern nahe der Stadt Belomorsk am Weißen Meer, gibt es so viele bildhafte Gravierungen im Gestein, dass auch heute, über 50 Jahre nach ihrer Entdeckung, noch ständig neue identifiziert werden.

Vor ein paar Tagen haben wir Petrozavodsk hinter uns gelassen und sind nach Norden gefahren. Von der hier noch vielbefahrenen M18 biegen wir zunächst bei Kondopoga ab und finden uns auf den ersten Blick in einer grauen Stadt mit Plattenbauten und ohne Besonderheiten wieder. Ein riesiges Mahnmal zur Erinnerung an den Krieg 1941-45 fällt als einziges ins Auge; Treppen führen von allen Seiten zu dem mit Plastikblumen und verwelkten roten Nelken geschmückten Standbild, dessen ewigem Feuer wohl der Brennstoff ausgegangen ist.

Was wir in dieser Siedlung suchen ist nur in der Ferne am Horizont hinter qualmenden, rot-weißen Schornsteinen zu erahnen: Die alte Holzkirche von Kondopoga. Als die Stadt noch ein Dorf war und von Fabriken noch nicht einmal die Rede, wurde am malerischen Ufer des Onegasees eine Kirche im traditionellen Stil fast ausschließlich aus Holz gebaut. Heute wirkt sie ein wenig an den Rand gedrängt, als wollte sie der modernen Welt über das Wasser entfliehen. In ihrem Inneren, in dem immer noch Gottesdienste stattfinden, enfalten die bunten, schon ein wenig mit dem Schleier des Alters überzogenen Ikonen und Wandbilder eine ganz besondere Atmosphäre.

Als reine Durchgangsstation entpuppt sich bei unserer Weiterfahrt Richtung Norden Medweschegorsk. Am Stadtrand empfängt uns zwar ein hölzerner Bär nach alter Tradition mit einem Laib Brot auf weißem Tuch, aber der Ort selbst lädt uns nicht zum längeren Verweilen ein. Und beim Betrachten des Fußbodens in unserem Zimmer im Hotel "Onego" aus sowjetischer Vorzeit fällt uns sofort Oliver Kalkofe ein: "ein Imitat eines preisgünstigen Linoleum-Imitats" (am besten auf sächsisch aufsagen!).

Der Regen spült uns also weiter nach Belomorsk, eine graue, nicht nur dem Wetter geschuldet sehr trist wirkende Stadt am nordwestlichen Ufer des Onegasees. Hier mündet der Fluß Wyg, sein Bett wurde in den dreißiger Jahren in den Weißmeer-Ostsee-Kanal mit eingebaut. Wie so oft in Russland verbergen die trostlosen Häuserfassaden mehr als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Hier finden sich hinter unschönen Fassaden dennoch nette kleine Lebensmittelgeschäfte.

Streuner scheint es in dem von uns besuchten Teil Russland nicht so wahnsnnig viele zu geben, und wir sehen immer wieder Einheimische, die sie füttern. Für alle Fälle haben wir natürlich auch einen Sack Hundefutter dabei.

Eine kleine Touristinformation finden wir auch in einem völlig verwahrlosten Erdgeschoß; in der treffen wir Sergej, der recht gut Englisch spricht und uns zum besten Hotel der Stadt, dem "Gandvik", bringt. Das ist uns zu teuer, und der groß ausgeschilderte Campingplatz im Nachbardorf entpuppt sich als asphaltierter Parkplatz mit Schleusenblick. Also nochmal zurück zu Sergej, und nach einem Anruf stehen wir vor der kleinen "Belomorje"-Gostinitsa mitten in einer Plattenbausiedlung in Hörweite zum Bahnhof. Eine schmutzigweiße Katze vor der Tür miaut zur Begrüßung.

Wie der Zufall es so will, haben wir uns einmal mehr genau die richtige Unterkunft ausgesucht. Häufig ist es so, daß man mehr mit in der Wohnung der Menschen lebt als ein anonymes Hotelzimmer zu beziehen. Dementsprechend familiär geht es zu, unser Zimmer ist gemütlich, und die Küche dürfen wir auch mitbenutzen. Auf dem Kühlschrank stehen große Einweckgläser mit Wasser, in dem Schungit-Steine liegen, die man an einigen Stellen im und um den Onegasee finden kann. Schungit ist eine besondere Form fast reinen Kohlenstoffs, die man sehr gut als Aktivfilter verwenden kann, der aber in esoterischen Kreisen auch weit mehr besondere Fähigkeiten nachgesagt werden. Ob des Schungits im Trink- und Kochwasser der Hotelbetreiber Tatjana und Vladimir denken wir uns noch nichts, als die beiden aber eines Mittags an unsere Zimmertür klopfen und besorgt nach meinem Gesundheitszustand fragen, wird es schon etwas merkwürdiger. Vollends seltsam wird dann ein paar Stunden später das von Tatjanas studierendem Sohn Andrei gedolmetschte Gespräch mit Vladimir, in dem er uns nicht nur fragt, warum wir eigentlich in Russland sind, sondern uns auch noch über unsere Esoterikkenntnisse und Helena Blavatsky sowie unseren Gesundheitszustand aushorcht. Wir sind etwas irritiert und wissen nicht so recht, wie wir diesen Mann und sein kleines Verhör einordnen sollen.

Zum Glück haben wir am Vorabend im Hotel Nadeschda kennengelernt. Sie ist Archäologin aus Petrozavodsk, und seit sie mit achtzehn Jahren ein Praktikum in Belomorsk gemacht hat, haben sie sie nicht mehr losgelassen: die steinzeitlichen Petroglyphen im Wald nahe der Stadt. Sie holt uns mit ihrem Fahrrad am Parkplatz ab, und da sie Tatjana und Vladimir recht gut zu kennen scheint, berichten wir von unserem merkwürdigen Gespräch mit ihm. Sie lacht nur und meint, wir sollten ihn nicht ernst nehmen. Seit er vor etwa einem halben Jahr in Tatjanas Leben aufgetaucht sei, hätte sich so einiges verändert. Die beiden seien Anhänger einer Sekte, die neben esoterischem und aus verschiedenen Religionen zusammengeklaubtem Gedankengut auch eine Art Nationalstolz hochhalten würden; den baldigen Untergang aller Zivilisationen würde nur Russland überleben. Während wir uns noch fragen, ob Vladimir uns ein paar Stunden vorher eigentlich rekrutieren wollte, stehen wir nach einem kleinen Fußmarsch vor einer Blockhütte, in der Dima, Nadeschdas Sohn, uns bereits erwartet. Bei Kaffee und Piroggen erzählen uns die beiden allerhand, vom Groll der Russen gegen Gorbatschow und von einer ukrainischen Freundin, die der aktuelle Konflikt völlig verändert hat.

Und dann stehen wir schließlich auf dem berühmten Felsplateau. Nadeschda ist ganz in ihrem Element und kommt aus dem Zeigen und Erzählen gar nicht mehr heraus. Wir sehen Herden von Rentieren und große Elche. Langboote voller Menschen, die ihre Harpunen nach einem Beluga-Wal auswerfen. Jäger mit Pfeil und Bogen kreisen einen bereits getroffenen Bären ein, und die vermutlich ersten Skifahrer der Menschheitsgeschichte verfolgen ihre Beute - sogar die langgezogenen Spuren ihrer Ski im Schnee und die runden Abdrücke ihrer Stöcke sind deutlich zu erkennen. Manche Linien sind sehr verwittert, und nur Nadeschdas kundigem Auge und ihren Kreidelinien ist es zu verdanken, dass wir überhaupt etwas erkennen können. Andere Figuren wiederum sind sehr deutlich, sehr tief wurde vor über 6000 Jahren stellenweise das Gestein eingeritzt. Besondere Mineralien sorgen dafür, dass die Werke dieser Künstler aus der Vorzeit heute noch so gut sichtbar sind. Ein großer Teil des Felsplateaus war außerdem über viele Jahrtausende unter einer mehrere Meter dicken Schicht aus Erde und abgestorbenen Pflanzen versteckt; nur ein Felsen, heute Zalavruga genannt, lag frei und war den Bewohnern der Region bekannt. Erst bei Bauarbeiten in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wurde schnell klar, dass es hier noch wesentlich mehr zu entdecken gibt.

In der Nähe der Petroglyphen entdecken wir ein kleines Lager mit einigen Zelten, Wasservorräten und einem gemütlichen Feuer. Eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus Moskau verbringt hier einen guten Teil ihrer Sommerferien zusammen mit drei Betreuerinnen; es wird gebastelt und beim Freilegen und Kartographieren der Steingravuren geholfen. Und Theater gespielt. In selbstgemachten Kostümen führen sie den anwesenden Besuchern ein von den Petroglyphen inspiriertes Stück vor, in dem natürlich neben den Menschen auch ein Belugawal, ein Bär und mehrere Elche und Rentiere mitspielen - wie auf den Steinen vermischen sich auch in dem Stück Realität und Sagenwelt ein wenig.

Bis zum Einbruch der Dämmerung lassen wir uns von dieser uralten Stätte faszinieren. Die Sonne verschwindet für kurze Zeit hinter dem Horizont und malt den Himmel in den schönsten Farben an, die sich im spiegelklaren Wasser des hier aufgestauten Wyg wiederfinden. Warum haben diese frühen Menschen hier solch vielfältige Spuren hinterlassen, wollen wir von Nadeschda wissen. Für ihre Schöpfer war dies vermutlich ein heiliger Platz oder einer, an dem manche Geschichten aus ihrer Lebenswelt für die Nachfahren verewigt werden sollten. Vielleicht auch beides oder nichts davon, die Jahrtausende dazwischen erlauben nur Mutmaßungen. Und wer weiß wie seltsam ihnen unsere heutigen Deutungsversuche vorkämen.

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