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Prag an Silvester...

…definitiv kein Geheimtipp.

Das einstige Zentrum für Kultur und Wissenschaft, in dem Albert Einstein und Ernst Mach an wegbereitenden Theorien forschten und Mozarts Oper „Don Giovanni“ im Jahre 1787 uraufgeführt wurde, wird heute überschwemmt vom billigen Sauftourismus. Die wunderschönen Gebäude und denkwürdigen Orte verkommen zusehends zur Staffage für flüchtige Selbstinszenierungen und in Cafés, an deren Tischen früher angeregte Diskussionen geführt wurden, sitzen sich heute Menschen schweigend einander gegenüber, ein jeder über sein Smartphone gekrümmt.

Zugegeben, Silvester ist schon eine Weile her, ein Drittel des Jahres liegt nun bereits hinter uns. Aber die aktuelle Covid-19-Pandemie, die die Welt fest im Griff hat, und die damit verbundenen Beschränkungen, die unsere geplanten Reisen vorübergehend auf Eis gelegt haben, geben uns die Zeit, vergangene Unternehmungen aufzuarbeiten. Und somit wollen wir heute von unserem Kurztrip nach Prag erzählen.

Seit unserem letzten Besuch der tschechischen Hauptstadt vor über 20 Jahren hat sich vieles verändert. Auch damals zog Prag bereits die Besucher an, aber dennoch konnten wir ohne Gedränge durch die Gassen der Altstadt spazieren, verweilen, um uns das eine oder andere genauer anzuschauen, und wir fanden ohne Mühe Sitzplätze in einem der zahlreichen netten Cafés. Heute ist das ganz anders. Das Zentrum gleicht einem prall gefüllten Rummelplatz, die Menschenmassen schieben sich wie ein zähfließender Brei durch die engen Gässchen, um dann die großen Plätze zu überschwemmen. Vielleicht ist es auch gar nicht so sehr die schiere Anzahl an Besuchern, vielleicht ist es eher die Art des Tourismus, die uns erschreckt. Alles scheint dem Motto zu unterliegen: „Was du nicht fotografiert hast, hast du nicht erlebt.“ Heerscharen von Displays leuchten allerorts auf, einstudierte Posen werden an ausgewählten Orten und vor Sehenswürdigkeiten eingenommen, es folgt eine flüchtige Kontrolle des Knipsbildchens und es werden ein paar rasche Anweisungen an den Fotografierenden gerufen, dann das Handtäschchen oder Mäntelchen zurecht gerückt, und das Ergebnis wird sofort an Ort und Stelle in den „Sozialen Medien“ geteilt. „Seht, ich war hier!“ schreit es aus den Profilen. Aber die wenigsten interessieren sich für den Ort, an dem sie gerade sind, sie wissen nicht einmal, warum sie genau ihn als Kulisse für ihre Selbstinszenierung gewählt haben. Es sind einfach aktuelle Hotspots, die zurzeit angesagt sind, die neben vielen anderen auf einer langen Liste stehen, die nach und nach abgearbeitet wird. Es ist ein reines Konsumieren von Sehenswürdigkeiten, keine aktive Auseinandersetzung mit diesen. Es werden viele Fotos gemacht, und doch wenig fotografiert. Kaum jemand macht sich die Mühe, selbst nach einem Motiv, einem besonderen Blickwinkel Ausschau zu halten. Beinahe scheint es vorherbestimmt, von wo aus was abgelichtet werden und wo man selbst Position einnehmen muss. Und so steht man lieber in einer sich rasch bildenden Schlange an, um es den anderen gleich zu tun und sich an einen ganz bestimmten Punkt zu stellen. Der menschliche Herdentrieb wird hier einmal mehr offensichtlich.

Zuerst führen wir den Besucheransturm auf den von uns gewählten Zeitpunkt um den Jahreswechsel zurück und schelten uns selbst dafür, dass wir es eigentlich hätten besser wissen müssen. Aber spätestens als wir im alten Rathaus die Fotoausstellung des Czech Press Photo Awards besuchen und auch hier der zunehmende Massentourismus der Metropole wiederkehrendes Thema der Arbeiten ist, wird aus unserer Befürchtung Gewissheit: der Instagram-Popcorn-Tourismus hat Prag mit aller Kraft erfasst.

Der tschechische Schriftsteller Ivan Klima bezeichnete in einem seiner seltenen Interviews Prag als „Freilichtmuseum“, das er, wann immer möglich, meidet. Und damit ist er bei Weitem nicht allein. Viele Einheimische tun es ihm mittlerweile gleich.

Der Grundstein für diese Entwicklung wurde nach dem politischen Umsturz 1989 gelegt. Prag erfuhr einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, die grauen Häuserfassaden wurden renoviert und bald schon erstrahlten die prachtvollen Bauwerke wieder in altem Glanz. Aber dieses Herausputzen hatte seinen Preis. Ganze Häuserzeilen wurden von ausländischen Investoren aufgekauft, die alten Gebäude teilweise ohne Rücksicht auf ihre Geschichte und zum Schrecken der Denkmalschützer entkernt. Durch die zahlreichen Veränderungen an der historischen Substanz und zukünftige Bauvorhaben, droht Prag sogar der Verlust seines Titels als Weltkulturerbe.

Aber bei all dem Negativen darf man nicht vergessen, was Prag zu bieten hat und was für eine beeindruckende Stadt es trotz allem ist. Das Auge entdeckt an jeder Ecke, jeder Hausfassade eine scheinbar unerschöpfliche Fülle an Details. Das Gewicht von manchem Balkon ruht auf den Schultern fein ausgearbeiteter Atlanten.

Ein besonderes Schmuckstück befindet sich an der Südseite des gotischen Turms des Altstädter Rathauses. Seit über 600 Jahren zeigt hier die einzigartige astronomische Aposteluhr die Zeit an. Genauer gesagt sogar vier Zeitarten: Vom großen Sonnenuhrzeiger wird die mit römischen Zahlen gekennzeichnete mitteleuropäische Zeit angezeigt. Goldene gotische Zahlen an einem separat gesteuerten Ring zeigen die altböhmische Zeit an, nach der mit Sonnenuntergang ein neuer Tag beginnt. Darüber hinaus kann noch die Sternenzeit abgelesen werden und als einzige Uhr weltweit vermag es die Aposteluhr, die babylonische Zeit darzustellen.

Einer Sage nach wurde das Uhrwerk von Meister Hanus konstruiert. Um zu verhindern, dass er jemals eine zweite ihrer Art herstellen würde, nahmen die damaligen Prager Ratsherren ihm das Augenlicht. Aber Meister Janus soll sich gerächt haben, indem er die Aposteluhr stoppte, was tatsächlich auch im Jahre 1865 geschah. Beinahe hätte dies auch zu ihrer Beseitigung geführt, wenn es nicht einem Prager Uhrmacher gelungen wäre, den Mechanismus zu reparieren. Seit dieser Zeit liegt die Verwaltung der Uhr in den Händen dieser Uhrmacherfamilie.

Zwischen neun Uhr morgens und elf Uhr in der Nacht kann man Zeuge eines besonderen Schauspiels werden. Zu jeder vollen Stunde erscheinen in zwei Fenstern oberhalb des Ziffernblatts geschnitzte Holzfiguren der zwölf Apostel. Zeitgleich wird auch den seitlichen Figuren Leben eingehaucht. Den Anfang macht der Knochenmann, der an einem Strick zieht und ein Glöckchen zum Läuten bringt. Neben ihm befindet sich die Figur eines Türken, auf der anderen Seite die Darstellungen eines Geizhalses mit Geldbeutel und des Selbstgefälligen, der sich im Spiegel betrachtet. Nachdem die Fenster mit den Aposteln sich wieder geschlossen haben, kündigt ein flügelschlagender Hahn krähend die neue Zeit an und die Turmuhr schlägt die Stunde.

Unterhalb des Ziffernblatts befindet sich ein Kalender, der Tag, Woche, Monat und Jahr anzeigt. Dieses Kalenderziffernblatt, dessen Mitte von Darstellungen der Tierkreiszeichen geschmückt wird, flankieren vier unbewegliche Skulpturen: ein Philosoph, ein Astronom mit Fernrohr in der Hand, der Erzengel Michael mit feurigem Schwert und ein Chronist mit Schriftrolle.

Wer noch nicht genug von Uhren hat, dem sei auf alle Fälle ein Gang zum nahegelegenen Clementinum empfohlen. An seinen Fassaden sind zwischen den Fenstern insgesamt 13 Sonnenuhren angebracht. Ein Besuch des ehemaligen Jesuitenkollegs, das nach der Prager Burg der größte Gebäudekomplex Prags ist, lohnt sich aber noch aus einer Reihe anderer Gründe. Seit 1775 werden hier, auf dem 52 Meter hohen Astronomischen Turm, ununterbrochen meteorologische Messungen durchgeführt. Die lückenlosen und akribischen Aufzeichnungen der Wetterdaten, die sowohl Luftdruck als auch Temperatur umfassen, erfreuten sich in der neueren Zeit eines großen Interesses, als klimatische Veränderungen zunehmend in den Fokus rückten.

Der Aufstieg auf den Turm führt über 172 Stufen und teils steile und enge Wendeltreppen. Auf dem Weg nach oben passiert man den barocken Bibliothekssaal, dessen Decke mit Fresken ausgeschmückt ist, die größtenteils, wie sollte es auch anders sein, die Wissenschaft zum Thema haben. Zwischen den hoch aufragenden Regalen, die allesamt prall gefüllt sind mit bedeutenden Schriften und Büchern, stehen beeindruckende historische Globen. Insgesamt lagern über sechs Millionen Bücher in der im Clementinum untergebrachten Nationalbibliothek.

Neben einer Vielzahl astronomischer Instrumente bleibt ein Raum in Erinnerung, in dem in einer Rinne am Boden eine dünne Schnur gespannt ist. Sie markiert den Prager Meridian, mit dessen Hilfe man bereits sehr exakt die Mittagszeit ermitteln konnte. Von hier ist es nicht mehr weit hinauf zur umlaufenden Turmgalerie, von der sich ein wunderbarer Blick auf Prag bietet. Tief unter uns liegen die von Reif überzogenen Dächer der alten Gebäude, friedlich erscheint die lebhafte Stadt, überspannt von einer Glocke kalter Morgenluft. Aus Schornsteinen steigen feine Rauchfahnen auf und der Trubel scheint weit weg. Der Lärm aus den Gassen reicht nicht bis hinauf zur Spitze des Astronomischen Turms. Es ist irgendwie bezeichnend, dass wir hier, umgeben von Wissenschaft und Geschichte, nur mit wenigen anderen Besuchern den Ausblick genießen dürfen, während sich die Massen über die Karlsbrücke schieben. In der Ferne taucht zögerlich die Prager Burg aus dem Dunst.

Es gibt sie noch, die ruhigen Orte in Prag, an denen man die Atmosphäre dieser besonderen Stadt spüren und in sich aufnehmen kann, ohne gleich weiter geschoben zu werden. Unvergesslich werden uns die vielen Stunden bleiben, die wir einfach nur diskutierend im Café des Rudolfinums verbrachten, oder der Besuch der kleinen Sternwarte in den Gärten des Laurenziberges, von wo aus wir den Nachthimmel durch Teleskope beobachten konnten. Und so begehen wir unseren Jahreswechsel ruhig und entspannt und in Vorfreude auf kommende Reisen, die uns wieder zu weniger frequentierten Zielen führen werden.

In Zeiten von Corona, wo Geschäfte und Restaurants geschlossen sind und das gesellschaftliche Miteinander auf ein Mindestmaß reduziert ist, mutet die Erinnerung an die Menschenmassen in der Prager Altstadt eigentümlich an. Dieselben Orte und Gassen werden in diesen Tagen vermutlich nahezu menschenleer sein. Möchte man den schwierigen und herausfordernden Zeiten etwas Positives abgewinnen, dann dass mancher Ort eine kurze Verschnaufpause vom Massentourismus bekommt.

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