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Baile Herculane

Der kleine Welpe versucht sich aufzurichten, bricht jedoch gleich wieder zusammen. Die letzten Tage hat er merklich abgebaut. Lief er anfangs noch von alleine herum, suchte die Nähe der anderen Welpen und legte sich dicht an sie, kann er sich heute kaum noch von alleine bewegen. Ein leises Winseln ist zu hören wenn man sich dicht über ihn beugt. Ich nehme ihn auf den Arm und spüre bei jedem Streicheln seinen abgemagerten und zerbrechlichen winzigen Körper unter meinen Fingern. Aus seinem kleinen, dunklen Auge schaut er mich an, das zweite öffnet er kaum noch. Während Ruth die restlichen Welpen mit Futter ablenkt und schnell umringt ist von einem wuselnden Knäuel kleiner Hunde, kann ich versuchen, den Kleinen zu füttern. Auf das Futter reagiert er gar nicht und auch auf eine Vitaminpaste aus der Tube nicht. Er macht nicht einmal Anstalten, den Mund zu öffnen. Sein Fell entpuppt sich beim näheren Betrachten als eine Herberge für Flöhe. Überall kreucht und fleucht es und die Plagegeister von beachtlicher Größe piesaken den Kleinen noch zusätzlich. Uns bleibt schließlich nichts übrig, als den Welpen auf eine weiche und warme Decke zu legen und zu hoffen, dass er die Nacht überlebt.

Unsere erste Station in Rumänien ist diesmal wieder Baile Herculane. An der Grenze bei Nadlac ist die Hölle los. Es ist heiß und die Wartezeit lange und in den zahlreichen Autoschlangen kann man wieder das ganze Spektrum des menschlichen Verhaltens beobachten. Es wird gedrängelt, gehupt, geflucht, nur damit man am Ende zwei Fahrzeuge weiter vorne seinen Ausweis zeigen darf. Und so dämmert es bereits als wir bei Mishu im Tierheim ankommen. Nach einer kurzen, herzlichen Begrüßung sagt er uns, wo er ein Zimmer für uns gebucht hat und wir machen uns dort in aller Eile frisch. Dann geht es auch schon wieder weiter, denn am Abend startet das Gugulan Rock Festival in Caransebes, das wir zusammen mit Mishu und seinen beiden Söhnen Andrei und Alex besuchen wollen. Nach 900 Kilometern Fahrt hätte ich mir zwar an diesem Abend auch etwas Ruhe vorstellen können, aber Ruth hatte mit dem Veranstalter im Vorfeld ausgemacht, dass sie für ihn die Bands fotografiert und so bleibt uns nichts anderes übrig, als doch wieder ins Auto zu steigen.

Das Festivalgelände ist oberhalb von Caransebes auf einem Hügel gelegen. Hinter der Bühne blitzen die Lichter der Stadt aus der Dunkelheit auf. Auf der Wiese vor der Bühne hat sich eine recht überschaubare Menge Metaller versammelt, der guten Stimmung macht das aber keinen Abbruch.

Immer wieder treten auch Mitglieder einer Gruppe aus Timisoara mit ihrer Feuershow auf.

Die Atmosphäre ist sehr entspannt und so geniessen wir in dieser und der darauffolgenden Nacht die Konzerte.

Als wir in der Dunkelheit die Rückfahrt antreten wollen, bemerken wir, dass die Lampe auf der Beifahrerseite ausgefallen ist. Da in Rumänien in der Nacht stellenweise auch mit unbeleuchteten Pferdefuhrwerken und anderen Überraschungen zu rechnen ist, beschließen wir, schnell die Birne an Ort und Stelle zu wechseln. Es stellt sich heraus, dass es nicht an der Birne liegt, sondern an einem losen Stecker an der Lampe. Die Kontakte sind ausgeleiert und so ist es leider nicht damit getan, den Stecker nur wieder an seine Stelle zu bringen. Das Problem hatten wir letztes Jahr schon einmal in Russland. Manchmal fragt man sich schon, was sich die Herrschaften bei der Entwicklung des Autos gedacht haben und wieso man nicht ein paar Euro mehr in die Hand genommen hat und eine sinnvolle und weniger anfällige Bauweise bei den Anschlüssen gewählt hat. Zu Hause werden wir uns da etwas überlegen, wie man das haltbarer gestalten kann. Auf die Schnelle reparieren wir das mit Panzertape. Nicht schön, aber es hält!

Die folgenden Tage verbringen wir im Tierheim. Auch wenn es nur ungefähr zwei Monate her ist, seit wir das letzte Mal hier waren, hat sich doch wieder einiges getan. Das Haus, an dem Mishu und sein Freund Gogo arbeiten, ist von außen nun fast fertig. Gogo hatte einst eine Vipernfarm mit etwa 1000 Schlangen hier im Ort und Pharmakonzerne haben gut für das Gift der Tiere bezahlt. Schmunzelnd fügt Mishu hinzu, dass ein Russe ein Verfahren zur synthetischen Herstellung entwickelt hat und das Geschäft dadurch zusammenbrach.

Im oberen Stockwerk des Hauses fehlen noch die Fenster und die Verkleidung, aber das Erdgeschoß ist nahezu fertig. Der Raum für die Katzen ist gekachelt und das Außengehege auf einem guten Weg.

Die Sonne brennt dieser Tage unbarmherzig auf uns herunter und die Vierbeiner liegen träge im Schatten. Es ist nicht leicht, die kleinen Welpen von damals wieder zu erkennen, sind sie doch mittlerweile zu stattlichen Junghunden herangewachsen.

Als wir ankamen, war unser Dicker bis unter das Dach voll geladen mit Katzenklos, Fressnäpfen, Futter, Kratzbäumen, Decken, Transportboxen und vielem mehr. All das haben wir vor der Abreise vom Freundeskreis Katze und Mensch e.V. bekommen. Mishu und Maria freuen sich, als wir die Sachen ausladen und fangen sofort damit an, die Gegenstände zu sortieren.

Um die Katzen kümmert sich hauptsählich Mishus Frau. Aktuell beherbergen sie ungefähr neunzig, die meisten davon sind unter drei Monaten und ihre Überlebenschancen sind schlecht.

Wir nutzen die Zeit auch, um uns gezielter als das letzte Mal in Baile Herculane umzuschauen. Es fällt auf den ersten Blick auf, dass in dem Örtchen viel mehr Betrieb ist als im Mai. Man kommt sich vor wie in einem Touristenort am Meer, überall stehen Luftmatratzen und aufblasbare Tiere zum Schwimmen vor Geschäften, der Geruch von gekochten Maiskolben hängt in der Luft und von den zahreichen Heilquellen und Schwimmbädern trägt der Wind das Geschrei der Badenden auf die Straße.

Baile Herculane ist nach wie vor ein bedeutender Ort und ein Magnet für die Einheimischen. Hier verbingen viele ihre Ferien und entspannen an einer der zahlreichen Quellen, deren Wasser heilende Wirkungen nachgesagt werden.

Auf dem Gehweg begegnen wir einem schlafenden Hund, der es sich genau in dem schmalen Sonnenstreifen bequem gemacht hat und sich die Wärme auf den Pelz scheinen lässt. Eine Dame ruft uns lachend zu, dass der Hund den ganzen Tag schläft und sich nur bewegt, wenn die Sonne gewandert ist.

Wenn man vom alten Hotel Cerna mitten in der Stadt aus zwischen den kleinen Häusern bergauf geht, erreicht man schnell den Ortsrand. Von dort führt ein einsamer kleiner Wanderweg durch die schattigen Wälder hinauf zu einem weißen Kreuz. Von dort hat man einen wunderbaren Ausblick auf Herkulesbad. Man erkennt schön, wie es sich die Schlucht der Cerna entlangschlängelt. Hier oben ist der Trubel in weite Ferne gerückt, statt dessen kann man hier und da tobende Eichhörnchen beobachten, die krachend von Ast zu Ast springen oder sich durchs Unterholz jagen.

Zurück im Tierheim empfängt uns Mishus Frau Maria wieder mit einem leckeren Essen. Angezogen von den vielen interessanten Gerüchen, die vom gedeckten Tisch ausgehen, sind wir bald umringt von einer Schar Hunde, die mit allen Mitteln versuchen, ein paar Brocken zu ergattern.

Gigi ist ein Neffe von Maria und treuer Helfer im Tierheim. Jeden Tag macht er seine Runde und reinigt die Käfige der Tiere und versorgt sie mit Futter.

Es ist eine Gratwanderung. Auf der einen Seite bringen uns die vielen Welpen mit ihrem putzigen Verhalten immer wieder zum Lachen und die Stunden vergehen wie im Flug mit all den Hunden, auf der anderen Seite ist es unendlich traurig mitanzusehen, wie zahlreiche Hunde durch das, was ihnen widerfahren ist, gezeichnet sind. Manchmal sind es äußere Merkmale wie Narben, gebrochene Beine von Autounfällen, Wunden von Schlägen oder Ketten, häufig aber auch seelische Verletzungen, die sie durch die Behandlung, die sie erfahren haben, davontragen. Viele Vierbeiner sind so ängstlich, dass keine Ecke abgelegen genug sein kein, in der sie sich verstecken wollen. Andere suchen trotz der schlechten Erfahrungen die Nähe zu Menschen und buhlen förmlich um Streicheleinheiten und Aufmerksamkeit und sei es nur für wenige Augenblicke.

Man könnte Bücher füllen nur mit den Geschichten der Hunde, von denen man weiß, was ihnen passiert ist auf ihrem Weg in dieses Tierheim. Von den unzähligen unbekannten Geschehnissen ganz zu schweigen.

So gibt es zum Beispiel einen noch recht jungen Hund, der erst seit zwei Wochen im Tierheim ist. Beide Hinterläufe zieht er seit einem Autounfall hinter sich her. Trotz dieser großen Einschränkung ist er ein unglaublich lebendiges Bürschchen und immer auf Streicheleinheiten aus. Ihm wurde ein kleiner Wagen gebaut, in den sein Hinterleib geschnallt wird, ein Bein wird dabei nach oben gebunden, das andere, geschützt in einem Schuh, hängt nach unten, damit er es vielleicht doch wieder irgendwann benutzen kann. Einmal am Tag geht er so in Begleitung aus dem Tierheim und legt dabei ein ordentliches Tempo vor. Es scheint so, als wollte er sich nicht unterkriegen lassen. Auch wenn er immer wieder unterwegs winselt und Schmerzen zu haben scheint, rennt er mit anderen Hunden und lernt mit seinem fahrbaren Untersatz von Tag zu Tag besser umzugehen. Mishu fährt an einem Tag mit ihm ins gut zwei Autostunden entfernte Timisoara, da es dort einen guten Arzt mit den entsprechenden technischen Geräten gibt. Ein Hoffnungsschimmer blitzt nach den Untersuchungen auf. Das Rückgrat scheint nicht verletzt zu sein und es besteht die Mööglichkeit, dass er seine Beine mit entsprechender Therapie eines Tages wieder benutzen kann.

Oder die Geschichte von einer Hündin, die schwanger ins Tierheim kam und bei der eine Abtreibung durchgeführt werden sollte. Sie war bereits narkotisiert und lag auf dem Operationstisch, doch sie wehrte sich so sehr gegen das Einschlafen, dass man beschloß, ihr die Welpen zu lassen. Und so brachte sie einige Zeit später vier kleine Junge zur Welt. Von diesen starben drei, aber eines überlebte und wurde wegen seiner Farbe nach der rumänischen Spezialität Mamaliga (einer Art Polenta) benannt. Die Mama kümmert sich rührend um ihren Nachwuchs und ist stets in Reichweite wenn man sich dem kleinen Mamaliga nähert oder wenn eine der Ärztinnen ihr Junges untersucht.

Tara beispielsweise lebte ein Jahr bei einer Familie, die den kleinen schwarzen Welpen wohl überaus süß fand und ihm alles erlaubte. Das ging so lange gut, bis Tara aus dem Welpenalter war und zu einem kräftigen Hund heranwuchs, der vor Kraft strotzend und mangels Erziehung seine Familie auf Trab hielt, bis diese mit ihm überfordert war und bei Mishu im Tierheim abgab. Heute ist Tara etwa ein Jahr alt, sehr verspielt und anhänglich. Sie ist sehr auf Menschen fixiert und sucht deren Nähe, fordert zum Spielen auf und bräuchte jemanden, der sich wirklich mit ihr beschäftigt, sie fordert und vor allem erzieht.

Oder die Hundedame, bei der sofort die zahlreichen Narben ins Auge stechen, die ihren gesamten Kopf bedecken. Sie ist sehr zurückhaltend und ängstlich, aber nach einiger Zeit wagt sie sich doch vor und geniesst die Streicheleinheiten sichtlich. Auch ihr wäre es zu wünschen, dass sie ein fürsorgliches Zuhause findet, aber die Einreise nach Deutschland bleibt ihr verehrt, da ihre Rasse pauschal den Stempel "Kampfhund" verpasst bekommen hat.

Jeder Besuch in dem Tierheim bestärkt uns darin, etwas tun zu wollen, damit es diesen Hunden besser geht und sich in der Zukunft etwas grundlegend an dem Problem der Straßenhunde ändert. Das alles wird Zeit brauchen, aber man muß heute damit anfangen. Das Futter, die ärztliche Versorgung, die Volontäre, die immer wieder vor Ort helfen, der Transport der Hunde nach Deutschland und die Vermittlung der Tiere in gute Hände, das alles kostet jeden Tag eine Menge Geld. Und damit die Unterstützung auch in Zukunft gewährleistet werden kann, können wir alle, die etwas dazu beitragen wollen, nur darin bestärken, ProDogRomania zu unterstützen, damit die Zeit und Kraft, die von den Mitgliedern dieses Vereins investiert wird, nicht umsonst ist.

Als wir morgens ins Tierheim kommen und nach dem kleinen Welpen sehen wollen, schüttelt Maria den Kopf. Er ist in der Nacht gestorben. Und so ist das Foto, das wir am Abend zuvor von ihm gemacht haben, das letzte von dem kleinen Kerl. Die eigene Machtlosigkeit macht einen manchmal wütend und traurig. Sicher war dies nicht der letzte Welpe, der sterben mußte, weil er viel zu früh von seiner Mama getrennt wurde, aber wir hoffen, dass es immer weniger werden, die sein Schicksal teilen müssen.

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