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Koli

Tief stosse ich den Spaten ins Erdreich. Einige Stiche sind notwendig und der Boden um mich sieht bald aus als hätte sich eine Rotte Wildschweine darin ausgetobt, bis ich den ersten Wurm entdecke. Er soll uns als Köder für unser Abendessen dienen. Während ich weiter nach Ködern suche werde ich selbst zur Beute von hungrigen Schwärmen von Stechmücken. Schon nach wenigen Minuten fühle ich mich ein wenig wie Quasimodo, über und über bedeckt mit juckenden Beulen. Und so breche ich mit vier Würmern im Glas ab und mache mich auf den Rückweg. Als ich mit matschigen Stiefeln, benutztem Spaten und tief ins Gesicht gezogener Kapuze aus dem Unterholz auf den Campingplatz stolpere, sehe ich den Gesichtern der Eltern, die gerade mit ihren beiden Kindern vor ihrem Wohnmobil stehen, an, was bei meinem Anblick durch ihren Kopf geht: Wen hat der verscharrt? Ich bleibe kurz stehen, lächle ihnen zu und setze meinen Weg Richtung Boot fort, an dem bereits Ruth auf mich wartet.

Um es kurz zu machen, die vier Würmer reichen aus, um etwa drei Stunden auf dem See zu rudern und als Ergebnis erneut ein kleines Rotauge zu fangen, das wir diesmal aber wieder zurück ins Wasser werfen, nachdem wir uns vergewissert haben, daß es keine ernste Verletzung vom Haken davongetragen hat. Aber gelohnt hat sich der Ausflug aufs Wasser dennoch, konnten wir doch einmal mehr in teils völliger Stille auf dem See treiben, mit den wohltuenden Strahlen der tiefstehenden Sonne im Gesicht. Die Wasseroberfläche ist stellenweise so glatt und ruhig, daß sie den stimmungsvollen Himmel fast wie ein Spiegel reflektiert. Als wir am Campingplatz anlegen ist es bereits nach Mitternacht, aber noch immer taghell.

Nachdem es zunächst sehr schön aussah, ist das Wetter die letzten Tage wieder sehr durchwachsen, und einmal mehr kann man auf die Wetterprognosen nichts geben. Und so quartieren wir uns einige Zeit auf dem Koli Freetime Campingplatz ein und kommen wieder vermehrt zum Bearbeiten der Fotos, Schreiben und Wäschewaschen. Dabei lernen wir das nette Ehepaar etwas besser kennen, welches den Campingplatz führt, und die immer ein offenenes Ohr für unsere Fragen und Wünsche haben.

Die sonnigen Phasen nutzen wir zum Wandern oder leihen uns abwechselnd Kajak, Kanadier oder Ruderboot aus. So haben wir einen direkten Vergleich der unterschiedlichen Bootstypen, sind wir bisher doch hauptsächlich mit dem Wanderkanadier unterwegs gewesen. Und wie sich herausstellt war das für unsere Zwecke auch die perfekte Wahl.

Doch der eigentliche Grund, warum es uns in diese Gegend verschlagen hat, sind die Koliberge. Dabei handelt es sich um Finnlands höchste Gipfel. Man mag sich jetzt bei dieser Beschreibung ein gewaltiges Bergmassiv vorstellen, doch der Ukko-Koli, der höchste Hügel, erhebt sich gerade einmal 355 Meter über seine Umgebung. Nichstdestotrotz ist der Ausblick von dort atemberaubend; Wälder, Seen, Inseln und ab und zu ein Boot, das durch die Spiegelung des Himmels schneidet. Die Landschaft breitet sich unter einem wie eine dreidimensionale Landkarte aus. Die Koliberge sind uralt, Reste der Kareliden, die die Eismassen der letzten Eiszeit zurückgelassen haben.

Unsere Campingmama erzählt uns, daß vor einigen Jahren die Bevölkerung Finnlands dazu aufgerufen war, unter den einundzwanzig nationalen Aussichtspunkten den schönsten zu wählen. "Und welcher hat gewonnen?" fragt sie mit Stolz in der Stimme und gibt die Antwort sogleich selbst: "Der Ukko-Koli."

Und trotz der Bekanntheit und der Bedeutung dieses Fleckchens Erde, ist hier nicht mehr los als bei einem Nachmittagsspaziergang in einem Wald in Deutschland unter der Woche. Die meisten Besucher spazieren nur bis zum ersten Gipfel, dem Ukko-Koli; oder sie lassen sich zum nahegelegenen Hotel chauffieren oder von der kleinen Zahnradbahn hochtransportieren. Von hier bietet sich einem ein faszinierender Ausblick auf die finnische Seenlandschaft rund um den Pielinen. Tief blau breitet sich das Wasser unter uns aus, ab und zu eine bewaldete Insel. Wir bleiben eine ganze Zeit, das Wetter wechselt im Minutentakt und die Wolken ziehen schnell über uns hinweg.

Ein schmaler Rundweg führt uns weiter zum Akka-Koli, dem zweithöchsten Gipfel. Ukko ist der alte Mann auf finnisch, und Akka die alte Frau dazu. Hier findet man knapp unterhalb des eigentlich höchsten Punktes den Tempel der Stille, ein ausgedehntes Felsplateau mit einem schönen weiten Blick über die Wälder im Südwesten des Kolimassivs.

Geht man noch ein paar hundert Meter weiter, gelangt man zum "schlechten" Koli, dem Paha-Gipfel. Hier sollen an einer besonders hohen und steilen Stelle im Mittelalter des öfteren vermeintliche Hexen aus der Umgebung ihren letzten Blick auf irdische Schönheit getan haben.

Nur wenige Besucher wandern noch ein Stückchen weiter zum Pieni-Koli, dem "Kleinen". Dennoch steht ein Empfangskomitee für uns bereit: ein Fichtenrüsselkäfer.

Durch den schweren Schnee des vergangenen Winters gibt es viele tote Bäume in der Umgebung. Auf ihren Stämmen überall Zunderschwämme, die roten sind noch jung, je älter sie werden, desto mehr wechselt ihre Farbe zu gelb und schließlich zu braun.

Unweit der Koliberge stößt man mitten im Wald auf die Kirche des Teufels (Pirrunkirkko). Tief in einem Felsmassiv, welches sich einem Trümmerfeld gleich wie geborsten unter einem aufeinandergetürmt, findet sich eine über 30 Meter lange, z-förmige Höhle mit erstaunlich glatten Wänden, an deren Ende sich einer Legende nach der Altar des Leibhaftigen befinden soll. Vom Pferdefüssigen haben wir zwar keine Spur gefunden, aber der Ort strahlt dennoch etwas Seltsames aus. Auf dem Rückweg durch den dichten Birkenwald halten wir fast mit quietschenden Reifen an, wollten wir nicht so leise wie möglich sein: Im Unterholz unweit der Straße steht ein Elchpärchen.

Doch so wohl wir uns auch die letzten Tage hier gefühlt haben, wird es Zeit für uns, das Zelt abzubrechen und weiterzuziehen. Zum Abschied erhalten wir von den Besitzern des Campingplatzes neben einer herzlichen Umarmung auch einen Riegel der besten finnischen Schokolade.

Wir kommen abends nach zehn Uhr nochmals zum Ukko-Koli herauf. Keine Menschenseele zu sehen, der Wind, der tagsüber über die Gipfel fegte, hat sich beruhigt, und außer einigen Vögeln ist kaum etwas zu hören. Fern im Western geht hinter nachtblauen Wolken die Sonne strahlend gelborange unter. Eine fast magische Stimmung liegt über dem Gipfel, weit in der Ferne flackern auf manchen Inseln vereinzelte Lichter.

Unweit des Hotels in der Nähe der Koli-Gipfel steht eine ganz besondere Kantele.

Wir bleiben eine ganze Weile oben, und entschließen uns lange nach Mitternacht, noch ein Stückchen Richtung Nurmes in den Norden zu fahren. Als uns dann aber sage und schreibe ein ganzes Dutzend Kaninchen manchmal doch etwas zu nah an den Autoreifen begegnet, beschließen wir, ein Nachtlager zu suchen. In einer von Holzarbeitern geschlagenen Waldschneise werden wir fündig, sind aber zu müde um das Dachzelt noch aufzubauen. Also verdunkeln wir die Scheiben ringsum um versuchen, es uns so gut es geht auf den Sitzen des Dicken bequem zu machen. Erholsam kann man die Nacht nicht nennen, aber solange es nicht jede Nacht so läuft, kann man das durchaus als Schlafen bezeichnen. Aber etwas Gutes hatte die Sache: so früh waren wir schon länger nicht mehr auf den Beinen.

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