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Bärenjagd

„Sie haben einen Bären!“ Lauri ist ein wenig hektisch und aufgeregt, als wir ihn früh morgens an einer Wegkreuzung irgendwo im nordkarelischen Nirgendwo treffen. „Sie haben auf ihn geschossen. Aber sie wissen nicht, wo er ist und ob er verletzt ist oder tot!“ Er sorgt sich ein wenig um unsere Sicherheit, denn ein Bär, der verletzt ist, kann sehr gefährlich werden. Dann kommt ein Anruf und Lauri reckt den rechten Daumen hoch. „Alles in Ordnung, er ist tot. Die Hunde haben ihn gefunden. Wir können los.“ Mir krampft sich ein wenig der Magen zusammen, als wir ins Auto steigen, um zu der Stelle zu fahren, an der sich Lauris Jagdgruppe versammelt hat. Einer von ihnen hat gerade einen Braunbären erlegt.

Finnland besitzt mit etwa 2400 Tieren eine für europäische Verhältnisse recht große und stabile Braunbärenpopulation. Sie finden hier weiträumig noch relativ unberührte Natur vor und pendeln auch häufig hinüber ins Nachbarland Russland, wo es die größte Anzahl ihrer Artgenossen in Europa gibt. Jährlich werden ca. 10-15 Prozent der Bären Finnlands offiziell vom Ministerium für Land- und Forstwirtschaft zum Abschuss freigegeben. In diesem Jahr sind es 384 Tiere, die zwischen dem 20. August und dem 31. September erlegt werden können; die Bärenjagdsaison endet entsprechend früher, sobald die Quote erreicht ist. Die letzten Jahre ist die offizielle Abschussquote stetig angestiegen – 2016 waren es noch 183 Bären. Die Jagd wird streng kontrolliert, spätestens einen Tag nach einer erfolgreichen Jagd muss sowohl die Forstbehörde als auch die Polizei darüber informiert werden. Bärenjunge unter einem Jahr und weibliche Jungbären sowie Mütter mit Nachwuchs dürfen gar nicht geschossen werden.

Wir stapfen zuerst durch dichte Beerenbüsche am Boden eines lichten Kiefernwaldes, immer den laut bellenden Hunden hinterher, die ihre Leinen kräftig strapazieren. Das Gelände wird unzugänglicher. Hüfthohes Gras wechselt sich mit sumpfigen, moosbewachsenen Stellen ab, in die unsere Schuhe tief einsinken. Immer wieder steigen wir über umgefallene Baumstämme, an denen Flechten und Pilze ihr Werk begonnen haben. Neben mir hechelt ein kleiner, weiß-brauner Jagdhund, am liebsten würde er sich losreißen und seiner frischen Fährte viel schneller folgen. Dann, inmitten eines dichten Waldfleckens aus mannshohen Birken und Sträuchern, liegt der Bär schließlich vor uns. Er hat versucht, seinem Schicksal zu entkommen und sich in unzugänglicheres Gelände zurückgezogen. Aber die Hunde haben ihn schließlich doch aufgespürt.

Ich versuche, ihn möglichst nüchtern zu betrachten: Ein lebloser Körper, der da im taunassen Gras liegt, seine Kehle ist aufgeschnitten. Um ihn herum Lauris Jagdgruppe und ihre vier Hunde, die kaum zu bändigen sind und sich, wann immer ihre Leine etwas lockergelassen wird, ihre Beute näher ansehen. Junge Männer und alte, in grellorange leuchtende Jacken gekleidet, schauen auf den Bären hinunter; einer von ihnen geht bereits seit 68 Jahren auf Bärenjagd. Wie lange er das noch machen wolle, fragt Jürgen einen von ihnen. „Solange ich laufen kann,“ kommt seine trockene Antwort. Zwei Frauen sind auch dabei. „Eigentlich ist Jagen eher Männersache“, erzählt uns Lauri, „aber in letzter Zeit werden es immer mehr Frauen.“ Eine Flasche Kräuterschnaps macht die Runde. Das ist Bärenjagd für viele Finnen, eine verschworene Gemeinschaft mit ihren Ritualen, die zusammenhält und gemeinsam zeitweise dem Alltag entflieht.

Jouni kommt dazu, der Jäger, der heute den entscheidenden Treffer gelandet hat. Der Mittvierziger jagt, seit er 15 ist; heute hat er seinen dritten Bären erlegt. Seine Hand wird geschüttelt, ihm wird auf die Schulter geklopft. Zusammen mit einem anderen Jäger macht er sich daran, „seinen“ Bären auszunehmen. Das Tier wird vollständig verwertet, das Fell vermutlich verkauft, das essbare Fleisch (das wohl ähnlich wie Elchfleisch schmecken soll) kommt in Konserven oder wird Restaurants in der Gegend angeboten. Und auch das Blut wird in Plastikflaschen aufgefangen, aus ihm kann man Pfannkuchen machen. Ich muss an all die Tiere denken, die tagtäglich auf dem Teller landen, fein säuberlich verpackt aus dem Kühlschrank im Supermarkt, wo es scheinbar so leicht ist, zu vergessen, dass auch diese Tiere gelebt haben und getötet wurden. Die Jäger vergessen das nicht. Tage vor der Jagd bereits informieren sie sich bei den Bauern und Einwohnern der nahen Dörfer über Bärensichtungen. Sobald die Saison beginnt, brechen sie gegen vier Uhr im Morgengrauen in die Wälder auf. Die Hunde finden manchmal einen Bären und kreisen ihn ein, immer enger, und wenn es ihm nicht gelingt, auszubrechen, dann wird es immer wahrscheinlicher, dass ein Schuss ihn erwischt.

Plötzlich bekommen wir Gesellschaft. Drei Beamte der Grenzpolizei kontrollieren den Jagderfolg, sie wurden gerufen, wie es das Gesetz verlangt. Dies sei eine ihrer Aufgaben, erklärt uns einer der Polizisten, zusammen mit der Kontrolle des Grenzstreifens zum Nachbarland Russland. Auch ein Vertreter von Metsähallitus, der Forstbehörde Finnlands, stößt dazu; Formulare werden ausgefüllt, GPS-Koordinaten notiert und der genaue Ablauf geschildert. „Polizei, Forstbehörde und private Jagdgruppen arbeiten gut zusammen,“ betont Lauri, „wir nennen das hier co-government.“ Jeder Jäger muss eine Schießprüfung ablegen auch einen Jagdschein vorweisen können; an die 300 000 werden jedes Jahr ausgestellt. Die Gebühren, die die Forstbehörde damit einnimmt, werden zu einem guten Teil in die Erhaltung der natürlichen Ressourcen investiert. Ein Argument für die Bärenjagd, und genauso für das Jagen anderen Großwilds wie Elche oder Weißwedelwild, ist hier in Finnland auch der Erhalt eines Gleichgewichts der Tierarten – ein Gleichgewicht, das der Mensch nachhaltig gestört hat.

Ein kurzes Posieren mit der Jagdbeute für die Handykameras der Gruppe, dann wird der Bär auf eine blaue Plastiktrage geladen, die gut über den Waldboden rutscht. Mehrere Männer ziehen das etwa hundert Kilogramm schwere und circa dreieinhalb Jahre alte Männchen zur wenige hundert Meter entfernten Jagdhütte der Gruppe. Die Nachricht des Jagderfolgs verbreitet sich schnell, ein paar Leute aus den umliegenden Dörfern kommen, um den Bären zu sehen. Er wird gewogen, und dann gehen die Messer ans Werk. Es stimmt, was die Finnin uns neulich erzählt hat – der gehäutete Bär hat tatsächlich etwas von einem muskulösen Mann. Ich versuche den Gedanken daran zu verscheuchen, dass dieser Haufen Muskeln und Fell und Sehnen vor wenigen Stunden noch ein lebendiges Tier war, erst am Anfang seines Lebens in der Wildnis.

Später sitzen wir mit Jouni, Lauri und ein paar anderen Männern am wärmenden Feuer einer Kota. Würstchen brutzeln auf dem Grill, und wir stoßen mit Dosenbier an. Tapio, einer der älteren Jäger, entblößt eine lange, weiße Narbe auf seinem Unterarm. „Die ist von einem Bären“, beginnt er zu erzählen, und seine Augen glänzen verschmitzt und vielsagend. „Ich war auf der Jagd, illegal.“ Und dabei habe ein Bär ihn erwischt. Es sei zum Kampf gekommen, Mann gegen Bär, er nur mit einem Messer bewaffnet. „Ich habe ihn getötet, mit bloßen Händen.“ Das ganze Zelt lacht, und auch dem Erzähler zucken ein wenig die Mundwinkel. Aber vor seinem Tod habe das Tier ihn noch schwer am Arm verletzt. Was tun, da er ja illegal auf der Jagd war? „Ich bin zu meinem Tierarzt gegangen.“ Die Flasche Spiritus, die dieser hervorholt habe, warf eine Frage auf: „Soll ich das trinken oder auf die Wunde gießen?“ „Trinken natürlich!“ soll der Tierarzt entgegnet haben. Wieder allseitiges Gelächter.

Wir hören noch mehr von Tapios Geschichten von der Jagd und auch von den Wölfen in der Gegend, die in diesem Jahr schon über 60 Hunde getötet haben sollen. In früheren Zeiten, vor allem nach dem Winter- und Fortsetzungskrieg, lebten die Menschen hier vor allem von der Jagd und vom Fischfang. Bis heute hat sich diese Tradition erhalten, auch wenn sie nicht mehr unbedingt lebensnotwendig ist, und wird von Gruppen wie dieser gepflegt. Mittags, als wir mit Lauri über den einsamen Waldweg zurück zu unserem Auto rumpeln, wird er uns sagen, dass es gut war, uns an diesem Morgen dabeigehabt zu haben. Seine Gruppe lässt eigentlich nie Fremde bei der Jagd zu, man kann sich nicht bei ihnen einkaufen. Mit dem Gefühl, etwas Besonderes erlebt zu haben, werden wir uns von dem Mann verabschieden, der das dennoch möglich gemacht hat. Der Bär und seine Jäger werden uns noch lange in Gedanken begleiten.

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